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Gespräch mit Linke-Chef Bernd Riexinger:Klimatische Probleme

SZ.de: Sind Sie heute ein Freund von Lafontaine?

Riexinger: Ein politischer Freund, ja. Aber ich bin kein Zögling von ihm, wie ich immer wieder in der Presse lese. Ich habe ihn kennengelernt, als wir die WASG gegründet haben. Erst war ich kritisch eingestellt. Ich musste die Haltung dann aber revidieren. Das ist schon klasse, was der Mann kann. Seitdem haben wir vielleicht zehnmal intensiver miteinander gesprochen.

SZ.de: Sie wirken wie ein Gegenmodell zu Klaus Ernst. Weniger laut, weniger aufbrausend. So wie bei Westerwelle und Rösler von der FDP. Haben Sie keine Sorge, dass Sie in die Rösler-Rolle hineinrutschen könnten: sehr nett, aber völlig erfolglos?

Riexinger: (schmunzelt) Mit dem Herrn Rösler möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden. Ich stehe im Übrigen genauso wie Klaus Ernst und viele andere für eine kämpferische linke Partei.

SZ.de: Gekämpft worden ist in der jüngsten Zeit vor allem innerhalb der Linken. Die Gefahr der Spaltung steht im Raum. Gregor Gysi spricht von Hass, den es in der Bundestagsfraktion gebe. Wie tief sind die Gräben?

Riexinger: Ich sehe mehr und mehr meine These vom Parteitag bestätigt. Wir haben zu 80 Prozent inhaltliche Übereinstimmung. Das betrifft die Kernpunkte unserer Partei. Mit denen können wir Politik machen. Bei den restlichen 20 Prozent geht es zum Teil um klimatische Probleme. Wir müssen als Parteiführung dafür sorgen, dass sich eine andere Diskussionskultur entwickelt.

SZ.de: Vor einigen Jahren kursierte ein Brief, in dem Sie Ihrem Parteitags-Kontrahenten Dietmar Bartsch die charakterliche Eignung zu höheren Ämtern abgesprochen haben. Waren Sie damit Teil der klimatischen Probleme?

Riexinger: Das war erstens nicht mein persönlicher Brief, sondern einer des Landesverbands, dessen Sprecher ich war. Zweitens war er nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

SZ.de: Sie haben ihn unterschrieben.

Riexinger: Heute würde ich vielleicht anders vorgehen. Das habe ich auch Dietmar Bartsch gesagt. Damit ist die Sache erledigt.

SZ.de: Haben Sie keine Sorge, dass Sie die 20 Prozent Streitthemen zukleistern, wenn Sie sich auf die 80 Prozent Übereinstimmung konzentrieren?

Riexinger: Damit das klar ist: Wir legen da keinen Zuckerguss drüber. Wir machen Angebote an die Partei, was den Umgang miteinander, die Kommunikation, als auch die Inhalte angeht. Wir sind eine pluralistische Partei mit verschiedenen Strömungen. Die Parteibasis will, dass wir schnell zur Politik zurückkehren.

SZ.de: Bei allem Pluralismus: Die Partei scheint an den Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit angelangt zu sein.

Riexinger: Unserem Grundsatzprogramm haben über 95 Prozent der Delegierten zugestimmt. Es gibt da einen großen Konsens.

SZ.de: Dann fehlen nur noch die Wähler. Sie fliegen aus wichtigen Landtagen, büßen selbst im Osten erheblich an Stimmen ein. Ist die Linke irrelevant geworden?

Riexinger: Mindestlohn, Rente mit 67, Hartz IV, in diesen Kernfeldern haben wir die Mehrheit der Menschen hinter uns.

SZ.de: Die finden vielleicht die Positionen gut, aber nicht Ihre Partei.

Riexinger: Wir werden zeigen müssen, dass wir Politik für die Mehrheit der Bevölkerung machen, also für Arbeitnehmer, Arbeitslose, Geringverdiener, Rentner und ihre Familien.