Hildegard Hamm-Brücher Westerwelle - mit Einseitigkeit das Kapital verspielt

sueddeutsche.de: Was fällt Ihnen zur "Lebensleistung" Ihres früheren Parteichefs Guido Westerwelle ein?

Hamm-Brücher: Ich kenne Westerwelle, seitdem er als Junger Liberaler die ersten Versuchsschritte in der Politik getan hat. Von Anfang an wusste ich: Der ist begabt und imstande, Politik zu machen. Ich finde auch, dass es ihm einmal gelungen ist, die FDP aus dem Tief herauszubekommen vor der letzten Bundestagswahl. Aber er hat mit seiner Einseitigkeit das Kapital verspielt, das ihm der Wähler gegeben hat. Und dann bin ich bei meinem Hauptthema: Dass in der FDP außer Herrn Westerwelle fast niemand wirklich bekannt ist. Wer steht für Bildung? Wer steht für Umwelt? Es gibt immer nur Steuerermäßigung. Das ist ein Jammer.

"Ihr jungen Leute habt keine Schuld"

sueddeutsche.de: Viele Jahre lang waren es kluge Köpfe wie Ralf Dahrendorf, die sich intellektuell einbrachten in die Partei und Impulse gaben, vor allem zu Themen jenseits der Steuerpolitik. Wie nehmen Sie das bei der FDP von heute wahr?

Hamm-Brücher: Seit langem fehlt das leider. Ich war in den neunziger Jahren noch mal im Vorstand der Partei und auch im Präsidium. Dort habe ich nicht ein Mal eine intellektuelle Diskussion erlebt, sondern immer nur kurzfristig gucken: Wie positionieren wir uns? Das war nicht mehr meine liberale Welt.

sueddeutsche.de: Auch nach ihrem Austritt aus der FDP haben Sie sich immer wieder in politische Debatten eingemischt. Auch mit 89 Jahren engagieren Sie sich unter anderem immer noch in der Demokratieerziehung an Schulen. Was treibt Sie besonders an?

Hamm-Brücher: Ich halte es immer noch für sehr wichtig, etwas gegen das Vergessen zu tun. Nicht gebetbuchartig herunterzuleiern, wie schrecklich die Nazidiktatur war. Sondern um zu sagen: Ihr jungen Leute habt keine Schuld. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass es nicht wieder passiert. Das ist das Einzige, was ich gerne noch vermitteln möchte.