Gesichtserkennung Wie Russland Demonstranten identifiziert

Ungenehmigte Demonstration in St. Petersburg am 12. Juni 2017. Auf den von Alexej Nawalny ausgerufenen Protesten wurden an diesem Tag mehr als 200 Oppositionelle festgenommen.

(Foto: AFP)

Ein hochauflösendes Foto genügt häufig, um die Teilnehmer einer Demo zu identifizieren. In Russland werden mithilfe einer Gesichtserkennungs-Software so Demonstranten an den Pranger gestellt - und nicht nur sie.

Von Julian Hans, Moskau

Eine für jedermann verfügbare Software macht die Teilnahme an regierungskritischen Demonstrationen in Russland künftig noch riskanter. Nach den Massenprotesten am 26. März und 12. Juni, bei denen Zehntausende dem Aufruf des Oppositionellen Alexej Nawalny gefolgt waren, wurden Dutzende Verfahren gegen Teilnehmer eröffnet.

Fast wöchentlich kommen neue hinzu, den Beschuldigten drohen mehrere Jahre Haft. Ihnen wird Widerstand gegen die Staatsgewalt, Gewalt gegen Sicherheitsorgane oder Teilnahme an Massenunruhen vorgeworfen.

Bisher konnten sich Teilnehmer einigermaßen sicher fühlen, wenn sie nicht zu den mehr als Tausend Personen gehörten, die von der Polizei oft willkürlich aus der Masse friedlicher Demonstranten herausgezogen und auf die Wache gebracht wurden, um die Personalien festzustellen.

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Das ändert sich jetzt aufgrund eines Webservice zur Gesichtserkennung, der Anfang vergangenen Jahres mit scheinbar harmlosem Ziel gestartet war. Auf findface.ru kann jeder Fotos von Gesichtern hochladen. Die Software ordnet die Bilder dann Profilen auf sozialen Netzwerken zu. So lässt sich zum Beispiel herausfinden, wer der junge Mann war, der einem in der U-Bahn oder im Klub aufgefallen ist.

Die Panorama-Aufnahme einer Versammlung genügt, um etliche Teilnehmer zu identifizieren

Wer es nicht schafft, ihn direkt anzusprechen, fotografiert erst mal unauffällig mit dem Handy und sieht zu Hause nach. Vielleicht gibt es sogar gemeinsame Freunde? Die Trefferquote der Software ist erstaunlich. Allerdings lassen sich damit nicht nur potenzielle Partner zur Kontaktanbahnung finden, sondern auch politische Gegner und potenzielle Opfer. Zunächst durchforsteten Erpresser Erotikportale und verlangten Geld von den Identifizierten dafür, dass sie nicht an Familienangehörige verraten werden.

Ende Juni startete eine Website mit dem Namen Je Suis Maidan. Sie listet Demonstrationsteilnehmer mit vollem Namen und Link zu den Profilen auf dem russischen Facebook-Klon Vkontakte auf. Für Moskau gibt es derzeit etwa Hundert Einträge, für die Regionen sind es mehrere Hundert, die an den Protesten am 12. Juni teilgenommen haben. Die Maske des Anonymus sei zum Symbol der Protestbewegungen weltweit geworden, heißt es auf der Homepage von Je Suis Maidan. Aber mit der Anonymität sei es Dank moderner Technologie nun vorbei: "Gebt alle Hoffnung auf, Euch werden sie auch finden!" Die Macher des Prangers bleiben allerdings anonym.

Die Bild hatte am Montag einen ähnlichen Pranger mit mutmaßlichen Randalierern beim Hamburger G-20-Gipfel veröffentlicht. Sowohl auf der russischen Website als auch in der Bild wurden Fotos von Fotografen aus Facebook und Twitter zur Identifizierung benutzt. FindFace wird endgültig zu einer Waffe zur massenhaften Bloßstellung und Verfolgung, wenn es mit der Technik für hochauflösende Bilder kombiniert wird.

Dann kann eine Panorama-Aufnahme von einer Versammlung genügen, um einen Großteil der Teilnehmer zu identifizieren. Wie das funktioniert zeigt FindFace in Videos auf YouTube. In eine Aufnahme von der Inaugurationsfeier von Donald Trump wird so lange hineingezoomt, bis einzelne Gesichter klar zu erkennen sind. Die Gesichter werden ausgeschnitten und auf FindFace identifiziert. Das russische Portal Life.ru, das im Ruf steht, dem Geheimdienst nahe zu stehen, hat Fotos der Demonstrationen im Megapixel-Format veröffentlicht.

Es müssen gar nicht Polizei oder Justiz sein, die sich der Technik bedienen. Die Gefahr, dass Lehrer ihre Schüler oder Kollegen entdecken oder Vorgesetzte ihre Mitarbeiter, kann bereits zur Einschüchterung genügen.

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