Gesellschaft:Überforderte Jugendämter

Eine Studie zeigt: Mitarbeiter müssen sich in vielen Bundesländern um mehr als 100 Kinder kümmern - empfohlen sind maximal 35. Und die hohen Fallzahlen sind nicht das einzige Problem, mit dem die Ämter zu kämpfen haben.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Wenn Jugendämter im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen, sind allzu oft Tragödien der Anlass. Ein kleiner Junge, der zu Hause verhungert ist, ein verwahrlostes Mädchen, das tot in seinem Bett gefunden wird, ein zu Tode geschütteltes Baby - die Liste solcher Fälle ist lang. Drei Wissenschaftlerinnen der Hochschule Koblenz haben nun für eine Studie Mitarbeiter von Jugendämtern zu den Arbeitsbedingungen im Allgemeinen Sozialen Dienst befragt, um strukturellen Schwächen im System auf die Spur zu kommen. Eines der Ergebnisse: Die Fallzahlen, für die ein Jugendamtsmitarbeiter zuständig ist, sind in vielen Bundesländern viel zu hoch. Empfohlen werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst höchstens 35 Fälle je Vollzeitstelle. In Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Berlin und Sachsen aber liegt die Fallzahlbelastung im Schnitt bei mehr als 100 Fällen. Nur in Hamburg, Bremen, Hessen und Brandenburg sind es bis zu 50.

Dass die Belastung der Jugendämter steigt, belegen auch Zahlen des Statistischen Bundesamtes. So wurden 2016 hierzulande 84 230 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen; zehn Jahre zuvor waren es nur 25 998 gewesen. Für den größten Anstieg ist die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 verantwortlich, als auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Damals stieg die Zahl der Inobhutnahmen sprunghaft von 48 059 im Jahr 2014 auf 77 645.

Mehr als die Hälfte der befragten Jugendamtsmitarbeiter fühlen sich der Studie nach durch die kommunale Kassenlage in ihrer Arbeit eingeschränkt. Zudem können sie nur ein gutes Drittel ihrer Arbeitszeit für den Kontakt mit ihren Klienten nutzen, etwa für Hausbesuche. Den Rest der Zeit verschlingen die Dokumentationspflichten. Die Dokumentation wiederum dient aus Sicht von 82 Prozent der Befragten in erster Linie der eigenen rechtlichen Absicherung. Viele Mitarbeiter beklagen der Untersuchung nach auch die Ausstattung ihres Arbeitsplatzes: Jeder dritte hat kein Einzelbüro, obwohl Krisengespräche im Zentrum der Arbeit stehen. Und nur jeder vierte hat ein Diensthandy; die Mehrheit ist bei Hausbesuchen oder Notfällen also nur privat oder gar nicht zu erreichen.

Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, kritisierte am Montag bei der Vorstellung der Studie in Berlin, dass die Kommunen die Hauptlast der Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe tragen müssten. Sie seien aber personell und finanziell sehr unterschiedlich ausgestattet. Gleichzeitig würden die Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst zu schlecht bezahlt, verglichen etwa mit anderen Berufen im öffentlichen Dienst wie der Polizei. Das führe zu hoher Fluktuation, zu Lasten der Betroffenen.

Die meisten Mitarbeiter arbeiteten "sehr professionell", sagte Kathinka Beckmann, eine der Studien-Autorinnen. "Aber es fehlt an ausreichend Zeit." Auch die Weitergabe von Wissen und die Vernetzung funktionierten nicht, wie sie sollten. "Es gibt oft keine oder nur eine kurze Einarbeitungszeit." Der Beamtenbund hatte zuletzt von 3000 fehlenden Mitarbeitern in den Jugendämtern gesprochen; Beckmann bezifferte den Mangel nun sogar auf 16 000. Insgesamt kämen auf die etwa 13 300 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst mehr als eine Million Fälle.

Dass Mangelverwaltung häufig an der Tagesordnung ist, betonte auch Monika Goral, Leiterin des Jugendamtes Berlin-Mitte. Die gesetzliche Grundlage, um Familien in Krisen zu helfen, sei eigentlich "herausragend". In der Praxis aber erstelle Goral ständig Krisenpläne, was mit sinkender Qualität einhergehe. "Je weniger Personal wir haben, desto reaktiver werden wir." Fachkräfte gewinne man nur mit einem attraktiven Arbeitsumfeld, sagte Goral, man müsse "Karriere machen können" im Jugendamt. Stattdessen würden ihre Leute oft anderswo "mit Kusshand" genommen. Sie fordert deshalb gute Einarbeitungskonzepte und dass neue Mitarbeiter im ersten halben Jahr nur die Hälfte der Fallzahlen bearbeiten müssen. Bei Gefährdungen müsse immer die Möglichkeit bestehen, sich im Team zu beraten. Ebenfalls zum Forderungskatalog der Expertin gehören regelmäßige Fortbildungen, Teamentwicklung und ein Risikomanagement. "Denn es ist immer das Unerwartete, das bei uns passiert."

© SZ vom 15.05.2018
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB