Gesellschaft Feuerzeichen

Kirche und Staat sind in Frankreich laut Verfassung streng getrennt. Doch der Brand in Notre-Dame scheint die Franzosen nun zusammengebracht zu haben, egal ob sie konfessionslos sind, ob sie Christen sind oder Muslime.

Von josePH hanimann

Das Zusammenspiel von kirchlicher und weltlicher Macht wechselt in Frankreich zwischen Selbstverständlichkeit und offener Konfrontation. War es für die "älteste Tochter der Kirche" unter dem Ancien Régime geradezu normal, dass König Ludwig IX. ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod 1270 heiliggesprochen wurde, dass der Kardinal Richelieu als Minister bei der Zentralisierung des Königreichs eine entscheidende Rolle spielte und dessen Nachfolger Mazarin aktiv mitregierte, kam es nach der Revolution 1789 zur harten Konfrontation. Durch die scharfe Trennung von Kirche und Staat mit dem Gesetz von 1905 sollte die Spannung vermindert werden. Sie schwelt aber bis heute. Wenn Staatspolitiker und kirchliche Würdenträger vor der Kamera einander also demonstrativ in den Arm nehmen wie in der Katastrophennacht vor Notre-Dame, hat das hoch symbolischen Wert.

Sie taten dies in radikal unterschiedlicher Funktion. Der Erzbischof Michel Aupetit hatte allein den Schaden am geistigen Raum seines Gotteshauses zu beklagen. Der Staatspräsident Emmanuel Macron und seine Minister standen als Herren und Hüter des ausgebrannten Denkmals da. Sie allein werden die Restaurierung übernehmen müssen. Die Enteignung der Kirche von all ihren baulichen Gütern durch die Revolution war ein Trauma, erweist sich für sie aber heute mitunter als nicht ganz so bedauerliche Entlastung. Von der bescheidensten Dorfkirche bis zur Pariser Kathedrale hat allein die öffentliche Hand aufzukommen, das heißt die Kommunen oder der Staat. Das Bild von zerfallenden Kirchen, mausarmen Landpfarrern und von dem unter dem Ornat auch nicht gerade reichen höheren Klerus hat damit zu tun. Religion ist in Frankreich reine Privatsache, Kirchensteuer gibt es nicht, und mit dem Unterhalt der zahllosen Bauten kommen die Behörden nicht mehr nach.

Im Angesicht der Flammen begannen manche spontan, die "Marseillaise" zu singen

Dass der Brand der Notre-Dame mit nachlässiger Restaurationsarbeit auf dem Dach zu tun haben könnte, munkeln einstweilen nur böse Zungen. Interessanter ist vielmehr eine Entwicklung, die schon seit mehreren Jahren zu sehen ist, höchst anschaulich aber in der Brandnacht. Eine Gruppe entgeistert aufs Feuer blickender Franzosen begann offenbar spontan, die "Marseillaise" zu singen. Als ob Gottes- und patriotische Republikfrömmigkeit einander im Angesicht der Katastrophe näherkämen. Ähnliche Reaktionen waren nach den Terrorattentaten zu sehen, wo Konfessionslose, Christen und Muslime unter der Trikolore sich zusammenscharten. Wurde bis vor Kurzem jede Politikeraussage über Frankreichs "christliche Wurzeln" scharf zurechtgewiesen, fallen kritische Stimmen mittlerweile zurückhaltender aus.

Manche spekulieren schon über eine Revision des Gesetzes von 1905. Macron hat die Frage einer Änderung zunächst als inaktuell zurückgewiesen. Viele befürchten nicht ohne Grund, der geringste Eingriff könnte alte Wunden aufreißen. Diskutiert werden darf aber die Sache neuerdings wieder. Und traumatische Ereignisse wie jetzt könnten die Spannung paradoxerweise weiter abbauen.