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Gesellschaft:Der weite Weg zur Pluralität

Demonstration gegen Einzug der AfD in den Bundestag

"Vielfalt für Deutschland" fordert eine Demonstrantin am Brandenburger Tor in Berlin anlässlich des Einzugs der AfD in den Bundestag.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)
  • Die Publizistin Charlotte Wiedemann macht sich kluge Gedanken, wie die Abkehr von der weißen Dominanz in Deutschland gelingen könnte.
  • Stück für Stück arbeitet sich Wiedemann so von den Sechzigerjahren bis zu den Debatten der Gegenwart vor.

Man hätte auch den Begriff "Herrschaft" wählen können, und eine angriffslustigere Autorin hätte das wohl getan. Charlotte Wiedemanns Buch aber heißt "Der lange Abschied von der weißen Dominanz", und je länger man darin liest, desto besser versteht man, warum das eine gute Entscheidung war.

Denn während Herrschaft ein materielles, objektives Verhältnis beschreibt, ist Dominanz subtiler. Sie ist Anspruch und Gestus, Wirklichkeit und Ideal, vor allem aber ist sie häufig unbewusst und nicht reflektiert. Dominanz fühlt sich nicht immer an wie Herrschaft, die auch mit Kontrolle zu tun hat, und sie sieht nicht so aus.

Sie ist deshalb komplexer zu beschreiben und infrage zu stellen - insbesondere wenn das die Dominanten selbst tun sollen. Dieser schwierigen Aufgabe widmet sich Wiedemann in ihrem überraschenden und aufschlussreichen Buch mit großer Genauigkeit und Aufrichtigkeit.

In den vergangenen zwei, drei Jahren sind einige mehr oder weniger gute Bücher erschienen, die für ein politisch interessiertes breites Lesepublikum erklären, wie genau sich weißer Rassismus in der Lebenswirklichkeit und Welterfahrung von Menschen anderer Hautfarbe niederschlägt.

Der britische Bestseller "Warum ich mit Weißen nicht mehr über Rassismus spreche" von Reni Eddo-Lodge stieß auch in Deutschland auf Resonanz, vor Kurzem veröffentlichte die deutsche Autorin Alice Hasters dazu eine Art Ergänzungswerk: "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" Man könnte fast sagen, ein Genre ist etabliert.

Anders als Lodge oder Hasters hat Charlotte Wiedemann keine eigene Erfahrung mit rassistischer Diskriminierung, über die sie schreiben könnte. Sie ist, 1954 in Westdeutschland geboren, so weiß, wie es geht. Sie hat allerdings einen großen Teil ihres Berufslebens in afrikanischen und arabischen Ländern als Reporterin verbracht, kennt es also, "anders" auszusehen und als eine "andere" Art Mensch gesehen zu werden.

Sie fragt, wie sich diskriminierende und rassistische Gesellschaften selbst schaden und sich von ihren Machtverhältnissen verabschieden können, ohne ihre Demokratiefähigkeit zu verlieren. Damit nimmt sie implizit Rekurs auf den Theoretiker Frantz Fanon, der die Herrschenden im kolonialen System als genauso gefangen analysierte wie die Unterdrückten.

Verwunderung und Schärfe angenehm gemischt

Das ethnisch homogene Deutschland der 1950er-Jahre, nach dem sich rechte Nostalgiker zurücksehnen, bricht Wiedemann gleich am Anfang auf mit einer Beschreibung ihres Klassenfotos: "Wir hießen Erika, Hildegard, Sigrid, Peter, Norbert, Eberhard. Haarfarbe meist zwischen blond und hellbraun." Durch einen Zaun getrennt, spielten die Kinder im Schulhof neben denen von der evangelischen Schule und verhöhnen sie als "Effke".

Wiedemann schreibt dazu: "Für die Erziehung in einem ethnisch weitgehend homogenen Nachkriegsdeutschland waren Konfession und Geschlecht die beiden großen Merkmale der Unterscheidung. Wir können daraus lernen, wie zeitgebunden das ist, was wir als trennend empfinden."

Charlotte Wiedemann: Der lange Abschied von der weißen Dominanz. dtv München, 2019. 18 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

In diesem Ton, in dem sich Verwunderung und Schärfe angenehm mischen, ist ihr Buch großteils gehalten. Das hat den Effekt eines angenehmen Gesprächs, wobei zwischendurch wieder kurze analytische Einschübe kommen:

"Die deutschen Lande lagen stets dort, wo sich alle Wege und Kriegszüge kreuzten, in der Mitte des Kontinents; viele Völker Europas hinterließen ihre Spuren. Carl Zuckmayer nannte den Rhein die 'größte Völkermühle'. Diese ältere, uns eingeschriebene Heterogenität erkennen wir heute nicht mehr, vor lauter Aufregung über die Einwanderung neueren Datums."

Stück für Stück arbeitet sich Wiedemann so von den Sechzigerjahren bis zu den Debatten der Gegenwart vor. Sie erörtert die Frage, ob man rassistische Sprache aus alten Büchern tilgen soll (nein) und ob es antifeministisch ist, Musliminnen das Kopftuch verbieten zu wollen (ja).

In einem besonders luziden Absatz erklärt sie das Diskursjargonwort "People of Color", so dass es wirklich endlich jeder versteht: "Es dient dazu, Solidarität zu stärken zwischen Menschen unterschiedlichen Herkommens, die sich als nicht-weiß verstehen und Diskriminierung erleben." Dass es nicht immer passt, verschweigt sie nicht.

"Der lange Abschied von der weißen Dominanz" ist ein extrem kleinteiliges Buch: Die sieben Kapitel sind jeweils in viele Unterkapitel aufgeteilt, deren Überschriften Hashtags tragen. Die gehören eigentlich ins Internet und funktionieren hier schon deshalb nur halb: "#Verlust der Zentralperspektive" - na ja.

Wenn man sich aber an diese formale Entscheidung gewöhnt hat, stellt man fest: Die Fragmentierung ist ein sehr guter Weg, die multiplen persönlichen, politschen, globalen Konsequenzen rassistischer Verhältnisse zu beschreiben, die unsere Welt nun seit vielen Jahrhunderten prägen. Dominanz ist ein kompliziertes Thema.

© SZ vom 27.01.2020
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