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Gesellschaft:Der surrende Gärtner

Wie Maschinen die Bestattungskultur verändern.

Von Martin Zips

Bislang war ja der Sarglift "Zero" mit seinem stabilen Körperlastarm "zum Einsargen der Verstorbenen" ein Pfeiler der modernen Beerdigungskultur. Mit einer maximalen Hubhöhe von 1745 Millimetern und der Kompatibilität mit dem bewährten Körperheber "Tragfix" beeindruckte das Produkt aus dem Sauerland das internationale Bestattungswesen. Doch nun ist es Bewässerungsroboter "Rainos", der die Friedhofsverwaltungen aufhorchen lässt.

Mit seinem 200-Liter-Wassertank dreht "Rainos" dieser Nächte auf dem Rahlstedter Friedhof in Hamburg entlang von immerhin 2500 Erd-, Kies- und Plattengräbern seine Runden. Schon zuvor war das "weltweit einmalige Gerät" (Hersteller) erfolgreich auf Friedhöfen in Pforzheim und Schwabach getestet worden. Das zumindest berichtet Sabrina Heerklotz, Geschäftsführerin des 15-köpfigen "Rainos"-Entwicklerteams im oberpfälzischen Regenstauf. Viele weitere Gräberfelder sollen jetzt noch folgen. Da man sich in ihrem Unternehmen nicht nur mit Bewässerungsmaschinen, sondern generell "mit Transportrobotern für den Außenbereich" auskenne, könnten also bald auch die Tage des Handkurbel-Sarglifts aus dem Sauerland gezählt sein.

"Bertrand hätte seine Beerdigung sicher gut gefallen", heißt es in dem Film "Der Mann, der die Frauen liebte" des französischen Regisseurs François Truffaut (1977). Zu sehen sind sehr viele Frauen, die dem Sarg des armen Bertrand folgen. Andererseits: Angesichts Bertrands wirklich auswegloser Situation wäre es ihm vielleicht ganz egal gewesen, wäre er zusätzlich noch von einem buddhistischen Priesterroboter auf seinem letzten Weg begleitet worden. So einem, wie er im Jahr 2017 auf der Tokioter Life Ending Industry Expo vorgestellt worden ist. Und da es heute, etwa in Moskau, sogar spezielle Techno-Friedhöfe gibt, auf denen neue Roboter alte Roboter beerdigen ("Sie waren sehr nützlich für ihr Volk und die russische Wissenschaft, klick"), wäre es sogar denkbar, dass einer wie Bertrand bald direkt am Wertstoffhof, also gleich neben dem Elektroschrott, entsorgt wird.

Es tut sich einiges in der bisher durch die frühen Gräber der Neandertaler, die ägyptischen Pyramiden und den indischen Taj Mahal beeindruckenden globalen Beerdigungskultur. Leise Gespräche, wie sie Tom Hanks am Grab seiner verblichenen Liebe in "Forrest Gump" führt, Bill Murray in "Broken Flowers" oder die Toten untereinander in Robert Seethalers schönem Roman "Das Feld" - sie könnten schon bald vom surrenden Kampf eines Automaten gegen die Trockenheit des Hornveilchens neben der Grablaterne begleitet sein. Einige Hinterbliebene mögen darüber die Nase rümpfen, so wie einst die Trauergesellschaft in "Die Ferien des Monsieur Hulot" über den unverhofft mit seinem krachenden Auto die Totenruhe störenden Jacques Tati. Für Friedhofsverwalter und Angehörige allerdings dürfte sich "Rainos" schon rechnen - und das ist ja auch ein Argument angesichts allgemeiner Sparsamkeit.

Sollte man in Zeiten von Priestermangel, Glaubenszweifel und Maskenpflicht jetzt nicht auch mal dem Computerwesen Alexa endlich die Chance geben, sich als (sicher brillante) Trauerrednerin zu beweisen?

© SZ vom 13.08.2020

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