Montagsdemonstration:Es fährt kein Schulzzug nach Eisenhüttenstadt

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Es gibt ein Foto von Torsten Lohs, es zeigt ihn in einem übergroßen T-Shirt. Darauf ist in ungelenken Buchstaben "Weg mit Hartz IV" geschrieben, so wie Punks das manchmal mit den Namen ihrer Lieblingsbands tun. "Vielleicht hätt ich in meiner Jugend politischer sein sollen, vielleicht hab ich was verpasst", sagt Lohs. Vielleicht hätte er etwas sagen sollen, als sie beim Militär einen Kameraden wegbrachten, weil der im Suff dem Kompaniechef blöd gekommen war. Vielleicht nachfragen, als er nach seiner Rückkehr kein Wort mehr sprach. Vielleicht hätte er sich freuen sollen, als die Mauer fiel. "Hab ich aber nicht", sagt Lohs. Vielleicht kämpft er deshalb einen Kampf, der gar nicht seiner ist.

Torsten Lohs, 50, hat nie Hartz IV bekommen. Im Gegensatz zu Eisenhüttenstadt ist seine Erwerbsbiografie lückenlos. Seine Rente soll mal 1300 Euro betragen. Und wenn sie Hütte bis dahin abreißen, dann wird er weiterziehen, in einen der Nachbarorte, die hier so oft sprechende Namen tragen, Müllrose oder Siehdichum.

"Hartz IV hat einen Keil zwischen uns getrieben, zwischen Arbeiter und Arbeitslose", sagt Lohs. "So halten sie uns klein." Seine Stimme ist jetzt leise, mit dem Tremolo der Verachtung. Die Schichtarbeit geht ihm auf die Knochen. Die Gewerkschaft nicht weit genug. Und wenn er im September wählen geht, dann bestimmt nicht SPD. "Martin Schulz fordert mehr Gerechtigkeit. Die Frage ist, von welchem Standpunkt aus? Meine Idee von Gerechtigkeit ist sicher eine andere als seine."

Es gibt Pampahasen und Diamantfasane in Eisenhüttenstadt, aber kaum noch feste Jobs

Noch ist die SPD stärkste Kraft in der Stadt, die Bürgermeisterin eine Linke. Aber bei der Landtagswahl 2014 erzielte die AfD mit 21,3 Prozent ihr bestes Ergebnis im Wahlkreis Oder-Spree II. "Die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden ist nicht mehr rot", schrieb die Berliner Zeitung nach dem Wahltag. Es fährt kein Schulzzug von Würselen nach Hüttenstadt. Nur die Deutsche Bahn - mit fünf Mal Umsteigen.

Torsten Lohs will mit den Rechten nichts zu tun haben. Auf seinem Transparent steht schließlich schon viel länger: "Wir sind das Volk! Nehmt euch in Acht!" Seit 663 Montagen, um genau zu sein.

Vor dem Theater ist jetzt Musik zu hören. Sie weht die Lindenallee hinunter bis zum Café "C'est la vie". Ein Mann spielt Gitarre, eine Frau singt dazu. Von weitem sieht es aus, als lehnten sie aneinander. Christine Reinwald und Werner Scholz sind ein Paar. Sie haben sich auf der ersten Montagsdemo kennengelernt. Über die Jahre sind so etwas wie die Hütte-Version von Bob Dylan und Joan Baez geworden. Eines ihrer Lieder geht so: Sie stehen bei Wind oder Regen / Sie halten mit Kraft ganz verwegen / die Losung, die alle gut sehn / die montags vorm Theater stehn.

Werner Scholz war in seinem Leben schon Schlosser, Funker, Eisenbieger, Zimmerer, Schweißer. Mit 14, erzählt er, mussten sie ihn auf ein Podest stellen, damit er den Schraubstock erreichte. Heute macht ihm sein Rücken zu schaffen und ein Rentenabschlag von elf Prozent. Christine Reinwald arbeitet beim Roten Kreuz. Früher stand sie oft direkt am Hochofen. Als sie nach der Wende ihren Job im Eko verlor, ergriff sie Maßnahmen, um nicht zu Hause zu sitzen: mit Kindern Sport machen, mit Kindern Dinge aus Klopapierrollen basteln, Kinder durch das Tiergehege führen. Alle haben in dieser Zeit etwas gelernt: Es gibt Pampahasen und Diamantfasane in Eisenhüttenstadt, aber kaum noch feste Jobs.

Scholz und Reinwald haben keine gemeinsame Wohnung, Heirat steht nicht zur Debatte. Beim Jobcenter heißen Liebende, die zusammen leben, Bedarfsgemeinschaft, Beziehungsstatus: kompliziert. Jetzt sind sie Torsten Lohs' Mitstreiter am Vorabend der Revolution. Es eint sie nicht viel, außer ein Ziel: in einem Land zu leben, wo die Menschen nur 30 Stunden die Woche arbeiten müssen, mit 60 in Rente gehen und ein Bürgergehalt von 1400 Netto bekommen. Eisenhüttenstadts Montagsdemonstranten, aufgewachsen inmitten einer steinernen Utopie, können das träumen nicht lassen.

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