Süddeutsche Zeitung

Bürgernahe Politik:Heimatpolitik ist Zukunftspolitik

In allen Parteien wird jetzt über Heimat geredet, nicht mehr nur in den ranzigen und braunen Ecken der Gesellschaft. Das ist gut so. Denn man darf die Heimat nicht denen überlassen, die damit Schindluder treiben.

Das Wort Heimat gehört zu den schönsten der deutschen Sprache. Es ist zart und kraftvoll. Es scheint in die Kindheit, es weckt Erinnerungen, es steht für Sehnsüchte. Kann man mit diesem Wort Politik machen? Man kann. Deshalb war das Wort jahrzehntelang suspekt. Heimat ist in Deutschland so verklärt und verkitscht worden, dass aus einem Wort der Geborgenheit ein Wort der Verlogenheit wurde.

Und es ist missbraucht worden; es wurde verarbeitet zum Duft- und Lockstoff der Deutschtümler. Aus einem der deutschesten der deutschen Wörter wurde, wohl gerade deswegen, ein ungutes, eines, das vor allem in den ranzigen und braunen Ecken der Gesellschaft zu Hause war. Das war ein Fehler; diesen Fehler hat die demokratische Politik erkannt.

Man darf die Heimat nicht denen überlassen, die damit Schindluder treiben. Daher reden jetzt alle von ihr, das Wort ist in der deutschen Politik zum neuen Lieblingswort geworden. Es gibt eine Renaissance der Heimat. In Nordrhein-Westfalen wurde ein Heimatministerium eingerichtet, auch für den Bund wird so etwas überlegt. Der Bundespräsident hielt zum Tag der Einheit eine Art heimatkundlichen Vortrag. Und selbst die Grünen buchstabieren das Wort sorgfältig, nutzen es wie ein Zauberwort und gerade so, als könne man damit den Rassismus und den Neonazismus exorzieren oder zumindest der AfD das Wasser abgraben.

Heimat ist das, was Halt gibt

Man muss sich darüber nicht gleich wieder lustig machen. Es ist ja gewiss richtig, dass man das Wort Heimat nicht den Rechtsradikalen überlassen darf; der Gehalt des Wortes ist zu wertvoll. Es darf aber auch nicht sein, dass man das Wort nur als Etikett auf eine Politik klebt, die man eh schon immer gemacht hat: Den Grünen wird sie Synonym für Umweltschutz und Energiewende. Den Sozialdemokraten wird sie ein Ausdruck der sozialen Gerechtigkeit. Den CDU/CSUlern wird sie zum Ausweis für ihren Konservativismus. Und die AfD erklärt ihre Anti-Flüchtlingspolitik zur Heimatpolitik. Es wäre wenig sinnhaft, wenn das Reden von Heimat nur das alte Geschwurbel über Identität ablösen würde.

Was ist Heimat?

Heimat ist mehr als eine Postleitzahl, mehr als eine Adresse irgendwo. Heimat ist das, was Halt gibt. Eine Politik, die Halt gibt, ist eine Politik gegen den Extremismus.

Immer mehr Menschen sind von dem, was "Globalisierung" genannt wird, austauschbar gemacht worden. Das Gefühl einer flüchtigen Existenz haben auch Menschen in den Ländern, in die sich Flüchtlinge flüchten - und so erleben viele Menschen selbst in wohlgefügten Gesellschaften wie in Deutschland oder Österreich die Flüchtlinge als Boten eines Unglücks, das auch ihnen selbst auflauert. Also wehren sie sich gegen die Fremden, um ihnen nicht gleich zu werden; sie sehen diese als Menetekel. Das ist der Boden, auf dem wieder die alten Wahnideen wachsen, der Nationalismus und der Rassismus.

Heimatliche Politik ist eine Politik, die den Menschen ihre Unsicherheit nimmt; gute Heimatpolitik denkt nicht nur an die Sanierung von Denkmälern, sondern, zum Beispiel, an die Sanierung der Mietpolitik und der Rentenpolitik. Wenn man sich das Wohnen in den Städten und das Leben im Alter nicht mehr leisten kann, dann ist man entheimatet.

Heimatlichkeit als Indikator für bürgernahe Politik

Einer guten Heimatpolitik geht es weniger um Brauchtumspflege, nicht um Beschilderung von Wanderwegen und nicht darum, dass die Marktplätze alle zehn Jahre andersherum gepflastert werden. In einer sich entvölkernden Provinz geht es vor allem darum, wie man junge Menschen zum Bleiben oder zur Rückkehr bewegt. Diese Entvölkerung - ein Problem vor allem im Osten Deutschlands - ist kein Naturgesetz. Sie ist eine Folge davon, dass Arbeit und Leben dort nicht oder kaum vereinbar sind. Was muss also Heimatpolitik in der Provinz leisten? Sie muss alles daran setzen, dass junge Menschen hier leben und arbeiten können.

Und was muss eine gute Europapolitik leisten? Wer seinen Nationalstaat als Heimat erlebt hat, will daraus nicht vertrieben werden. Er will, wenn die Heimat Nationalstaat zu schwach wird, Europa als zweite Heimat. Heimatlichkeit könnte also ein Indikator werden für bürgernahe Politik. Heimatpolitik, sollte aber nicht das Schicksal der "Fair-Trade-Produkte" teilen. Die stehen heute auch bei Discountern im Regal und komplettieren das Sortiment, um den Kunden zu binden.

So ähnlich machen es jetzt die Parteien mit der Heimat; so machen es auch die Kabarettisten, die wiederum damit ihren Spott treiben, um ihr Ironie- und Humorsortiment zu erweitern. Es wäre schade, wenn das Reden von Heimat ein politischer Modegag bliebe. Dafür ist Heimat zu wichtig.

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Quelle:
SZ vom 23.10.2017/dayk
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