Geschichte von Korea:US-Oberkommandierender fordert einen Atomschlag - der Präsident lehnt ab

Das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten in den Koreakrieg, vor allem aber ihr anschließender Vormarsch nach Norden waren für Peking das entscheidende Signal.

Nachdem amerikanische und verbündete Truppen die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang eingenommen und schließlich sogar an einem Punkt den koreanisch-chinesischen Grenzfluss erreicht hatten, gingen am 26. November 1950 fast eine Viertelmillion Chinesen zum Gegenangriff über. Auf dem Höhepunkt des Einsatzes kämpften bis zu fünf Mal so viele Soldaten der Volksrepublik, offiziell als "Freiwillige", auf Seiten Nordkoreas.

Als am 24. Oktober 1950 in Peking der Entschluss zum Krieg gegen die Vereinigten Staaten fiel, brachte Zhou Enlai, Ministerpräsident und Außenminister der Volksrepublik China, vor dem Ständigen Ausschuss der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes das Problem und damit den Anlass für ein Eingreifen in den Krieg auf den Punkt: "China und Korea sind füreinander wie Lippen und Zähne: Wenn man der Lippen beraubt ist, frieren die Zähne ..." Das gilt unverändert.

Geschichte von Korea: Schüler in Baltimore, USA, üben 1951 während des Koreakrieges das Verhalten bei einem Atomangriff.

Schüler in Baltimore, USA, üben 1951 während des Koreakrieges das Verhalten bei einem Atomangriff.

(Foto: AP)

Der Waffenstillstand, der am 27. Juli 1953 unterzeichnet wurde, schrieb praktisch den alten Grenzverlauf fest und bildet bis heute die Basis der Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea. Die Verluste des Krieges waren auf allen Seiten außerordentlich hoch. Insgesamt dürften bis zu vier Millionen Menschen ums Leben gekommen sein, die meisten von ihnen Zivilisten. Das war nicht zuletzt eine Folge der amerikanischen Kriegführung, vor allem ihrer Bombenangriffe.

Insgesamt warf die amerikanische Luftwaffe über Nordkorea mehr Bomben ab als während des gesamten Pazifik-Krieges der Jahre 1941 bis 1945, darunter 32 557 Tonnen Napalm, eine tückische Brandwaffe. Nur auf eine Waffe wurde dann doch verzichtet. Atombomben, wie sie von den Amerikanern am 6. und 9. August 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki gezündet worden waren, kamen nicht zum Einsatz.

Zwar stand US-Präsident Harry S. Truman kurz davor, einer entsprechenden Forderung des Oberkommandierenden der internationalen Streitmacht in Korea, General Douglas MacArthur, nachzugeben.

Aber dann schloss sich der US-Präsident doch der Auffassung seines Generalstabschefs Omar Bradley an, dass ein Atomkrieg gegen China "der falsche Krieg am falschen Ort zur falschen Zeit gegen den falschen Feind" sei, und entließ MacArthur.

Trumps Satz von "Feuer, Wut und Macht" ist ein Spiel mit eben diesem Feuer

Heute ist es der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, der laut über einen Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen nachdenkt. Donald Trumps Warnung vom 9. August 2017, einem von Nordkorea angedrohten nuklearen Präventivschlag gegen die Pazifikinsel Guam mit "Feuer, Wut und Macht" begegnen zu wollen, ist ein Spiel mit eben diesem Feuer.

Denn niemand vermag verlässlich vorherzusagen, wie Kim Jong-un mit dieser Vorlage umgeht, weil niemand weiß, wie stabil die Herrschaft des Diktators und seiner Entourage ist. Nicht einmal die Frage, ob Nordkorea tatsächlich über einsatzfähige Nuklearwaffen verfügt, lässt sich zuverlässig beantworten. Das gilt auch für die Frage, ob ein Angriff auf den US-Stützpunkt in Guam für die Nato den Bündnisfall bedeuten würde. Anders als nach den Anschlägen des 11. September 2001 wäre er nicht automatisch gegeben. Aber könnten sich die Partner einem entsprechenden amerikanischen Ersuchen entziehen?

Für Donald Trump wiederum würde es im Falle eines nordkoreanischen Angriffs schwer, seiner Ankündigung keine Taten folgen zu lassen, denn hier geht es nicht zuletzt um die Glaubwürdigkeit einer Weltmacht. Sollte es so weit kommen und sollten die USA, wie auch immer, militärisch in Korea intervenieren, werden China und wohl auch Russland nicht teilnahmslos zuschauen können. So könnte sich die Welt unversehens am Rande eines neuen Koreakriegs wiederfinden.

Die Lage ist brisant. Dass in Nordkorea und - soweit dort das Weiße Haus den Ausschlag gibt - auch in den USA die Unberechenbarkeit Regie führt, macht den Konflikt so brandgefährlich.

Der Autor lehrt Neueste Geschichte an der Universität Erlangen und hat unter anderem eine Biografie über Gerhard Schröder geschrieben. Sein neues Buch "Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte" erschien im Herbst bei der DVA.

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