Kürzlich hat der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche in einem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Möglichkeiten eines Verhandlungsfriedens zwischen Russland und der Ukraine erörtert. Rückblickend auf mehr als 200 Jahre europäische Kriegsgeschichte wies er darauf hin, dass es nie einen Friedensschluss gegeben habe, bei dem nicht eine der Kriegsparteien militärisch oder gesellschaftlich vollkommen erschöpft gewesen sei oder eine überlegene Großmacht mit ihrem Eingreifen gedroht habe. Allerdings könne sich das künftig ändern, denn Geschichte spreche immer nur für Vergangenes.
Was selbstverständlich klingt, ist es leider nicht. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine scheint manchen Wissenschaftlern derlei Augenmaß abhandengekommen zu sein. Persönlicher Geltungsdrang und politischer Aktivismus in sozialen Medien und TV-Talkshows haben vielfach die Obernhand gewonnen im Vergleich zu ausgewogener Analyse und nüchterner Wissenschaftlichkeit.
Die Eigenarten der Ukraine wurden lange nicht gesehen
Angesichts dieser Entwicklung kann man den vom Berliner Historiker Wolfgang Benz zusammengestellten und beim kleinen Metropol-Verlag erschienenen Sammelband zu Geschichte und Gegenwart der Ukraine gar nicht genug preisen. Im Zentrum der Beiträge der 24 Autorinnen und Autoren steht das Wechselspiel von nationaler Unabhängigkeitsbewegung und imperialer Repression seit dem frühen 19. Jahrhundert. Wobei das größte Hemmnis für einen eigenständigen ukrainischen Nationalstaat auch dessen stärkster Katalysator war und weiterhin ist: die mal mehr, mal weniger gewalttätige Unterdrückung durch Russland (Gerhard Simon, Frank Golczewski).
Ein spezielles Augenmerk legt der Band auf die Phase der ersten ukrainischen Unabhängigkeit infolge von Weltkrieg und Revolution 1917 (Andreas Schulz, Stephan Lehnstaedt). Doch forcierte die Sowjetunion ab den 1920er-Jahren die Restauration des Zarenreichs mit größtmöglicher Brutalität. Symptomatisch dafür ist der von Deutschland 2022 als Völkermord eingestufte " Holodomor", die von Stalin angeordnete Tötung durch Hunger von sechs Millionen Menschen in der Ukraine und im Nordkaukasus 1932/33. Im Gegensatz zum Holocaust habe der Holodomor jedoch nicht auf die systematische Vernichtung eines Volkes abgezielt, weshalb es sich dabei - bei aller Grausamkeit des Verbrechens und anders als vom Bundestag konstatiert - nicht um einen Genozid handle (Stephan Merl).
Es begann mit der Orangenen Revolution
Entsprechend wurde die NS-Besatzung der Ukraine 1941 von Teilen des Landes anfangs positiv aufgenommen, ein Umstand, auf den Putin in seiner Propaganda unermüdlich hinweist. Tatsächlich unterschied sich das Wüten der Nazis in der Ukraine nicht von jenem anderenorts im Osten (Jim G. Tobias).

Die Jahrzehnte nach 1945 waren geprägt von einer wirtschaftlichen und technologischen Aufwertung der Ukraine, die jedoch politisch klar auf Moskau zugeschnitten war und nationale Ambitionen strikt unterband (Immo Rebitschek). Der holprige Weg in Richtung Westen begann zu Beginn der 2000er, gut zehn Jahre nach Ende des Kalten Krieges und der neuerlichen nationalen Unabhängigkeit der Ukraine. Die Orangene Revolution 2004 und der Euro-Majdan 2013/14 waren wichtige pro-europäische Wegmarken, die von Russland mit der Annexion der Krim und der militärischen und politischen Infiltration der Ostukraine beantwortet wurden. Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 markierte schließlich eine Eskalation, die kaum jemand im Westen und auch in der Ukraine selbst für möglich gehalten hätte, den ukrainischen Präsidenten Selenskij eingeschlossen (Miriam Kosmehl).
Die Idee der Brückenfunktion war verfehlt
Die Notwendigkeit der fortgesetzten westlichen Unterstützung der Ukraine bei ihrem Kampf gegen den russischen Aggressor stellt der Band an keiner Stelle infrage. Bedauert wird hingegen die viel zu lange Phase der Nichtbeachtung der Ukraine, die erst endete, als es bereits zu spät war. Dabei hätte ein Blick in die Geschichte gelehrt, dass die politische Kultur Russlands traditionell eher zu extremen Lösungen als zu Kompromissen neige. Die vom Westen der Ukraine nach 1991 zugedachte Brückenfunktion zwischen Ost und West sei von Anfang an unrealistisch gewesen. Der Vorwurf richte sich jedoch nicht alleine an die Politik, wie Wolfgang Benz einräumt, sondern auch an die akademische Welt, die die Eigenarten der Ukraine im Vergleich zu Russland nicht hinreichend berücksichtigt habe. So gesehen liefert der vorliegende Band längst überfällig Aufklärungs- und Einordnungsarbeit.
Wer sich über die komplexen Hintergründe und langfristigen Zusammenhänge des Krieges in der Ukraine ernsthaft informieren möchte, dem sei geraten, für eine Woche die sozialen Medien und TV-Talkshows mit ihren immer gleichen Protagonisten zu meiden und stattdessen in Ruhe und mit Aufmerksamkeit dieses Buch zu lesen.
Florian Keisinger ist Historiker.

