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Geschichte:Warum der spanische Stierkampf in den USA nie Fuß fassen konnte

CORRIDA Corrida de Toros. Estocada a volapie. Photographie anonyme pour une carte postale espagnole vers 1905. Credit :

Die hohe Kunst der Tauromachie sollte nun auch in New York bestaunt werden können.

(Foto: Kharbine Tapabor)

Es sollte ein großes Spektakel für New York im Jahre 1880 werden, ein Politikum, das Tierschützer alarmierte. Aber dann kam alles ganz anders - und das lag nicht nur an den falschen Toreros.

Von Helmut Mauró

Auch für Henry Bergh war es ein großer Tag. Man kann sich gut vorstellen, wie er sich an diesem für New York so typischen und so unerträglich heißen Julinachmittag des Jahres 1880 aufmachte zur Sixth Avenue, Ecke 116, um den vielen Leuten, die dort zusammengekommen waren, den Tag zu verderben. Was allerdings ganz ohne sein Zutun gelang.

Vielleicht wäre die Sixth Avenue sonst nach ihm umbenannt worden, vielleicht würde dort heute statt eines Delikatessladens ein Denkmal stehen. Stattdessen ist die Sixth Avenue in der Abstellkammer der Geschichte verschwunden. Der südliche Teil erhielt Ende des Zweiten Weltkriegs die glamouröse Bezeichnung "Boulevard oft the Americas", der nördliche lebt als "Malcolm X Boulevard" weiter.

Was dem Charakter von Henry Bergh durchaus entgegenkommt. Auch er war politisch hochaktiv, auch er hatte ein Kämpferherz. Der entschlossene Blick und sein gewaltiger Schnauzbart stehen dafür, aber anders als Malcom X schlug Bergh seine Schlachten nicht auf der Straße, sondern in der höheren Diplomatie.

1863 wurde er sogar Botschafter am Hof von Zar Alexander II. Doch seine Empathie galt vor allem den Tieren. 1866 gründete er die American Society for the Prevention of Cruelty to Animals (ASPCA), deren Statuten der Staat New York sogleich als Gesetz übernahm.

Ein erbärmliches Schauspiel

Damals stand an der Ecke von Sixth Avenue und 116th Street die Central Park Arena - ein hochfliegender Titel für die notdürftig eingezäunte Brachfläche, die sich den Herbeiströmenden an diesem Nachmittag bot. Immerhin hatten Erwachsene einen Eintritt von stolzen 1,50 Dollar bezahlt, Kinder die Hälfte.

Das war viel Geld für ein Spektakel, das die New Yorker nur vom Hörensagen kannten. In der ganzen Stadt wurde mit Plakaten dafür geworben: "Versäumen Sie es nicht, nie wird sich Ihnen sonst die Gelegenheit bieten, die wunderbare Geschicklichkeit dieser Artisten zu bestaunen, die die Menschen von New York mit ihren gefährlichen Kunststücken verblüffen werden."

Es war eine Sensation: der erste Stierkampf in Amerika. Die New Yorker waren begeistert, die modernen Hochbahnen der Westside Road überfüllt, die Schlange vor dem Einlass zog sich über mehrere Häuserblocks. Sechs wilde Stiere waren angekündigt, und "falls einer nicht wild genug ist, wird er durch einen anderen ersetzt werden". Und dann stand auf dem Plakat noch ein Satz, den man neuerdings aus Filmabspännen kennt: "Gegen die Tiere wird keine Gewalt angewendet."

Damit wollte der Veranstalter Henry Bergh den Wind aus den Segeln nehmen; der Diplomat war schon im Vorfeld gegen dieses Vorhaben angegangen. Stierkampf, das war, wie soll man sagen, für den Tierschützer ein rotes Tuch. Dabei sollten die Tiere nicht mit Lanzen und Degen traktiert, sondern durch Aufkleben einer bunten Rosette auf die Stirn gedemütigt werden.

Wie konnte man die altehrwürdige Tauromaquia so entwürdigen? Wozu hatte der Matador Pepe Illo 1796 detaillierte Regeln für die hohe Kunst des Stierkampfs festgelegt, wenn man nun eine zwar unblutige, aber durch und durch alberne Form der Corrida praktizierte?

Zweifellos hatte Henry Bergh seinen Einfluss geltend gemacht. "Wenn dieser Sport hier populär werden sollte", sagte er vorab einem Reporter, "dann sinken wir bald auf das Niveau des spanischen Charakters herab."

Aber es kam alles noch viel schlimmer. Selbst Henry Bergh, der den Versprechen des Veranstalters mit dem spanischen Namen Angel Fernandez misstraute und ein Blutbad erwartete, muss enttäuscht gewesen sein.

Die Toreros schritten also in die Arena, einer farbenprächtiger gekleidet als der andere, aber, zum Entsetzen der anwesenden Journalisten, alle unrasiert, und überhaupt handelte es sich um eine Ansammlung finsterer Gestalten.

Es hatte den Anschein, als würden sie für anderthalb Dollar gegen einen Stier kämpfen, aber schon für einen Vierteldollar einem ehrlichen Mann die Kehle durchschneiden. Die gesamte Meute der Toreros - also Matadores, Novilleros, Banderilleros und Picaderos, sofern in dieser Arena solche Unterschiede zu erkennen waren - verneigte sich jetzt vor dem Publikum.

Der erste Stier schlich herein, und die Toreros schwangen ihre Capas. Der Stier nahm Fahrt auf und lief geradewegs auf einen der todesmutigen Artisten zu.

Nun war die Stunde der grausamen Wahrheit gekommen. Das Publikum hielt die Luft an. Konnte aber gleich wieder ausatmen. Was war passiert?

Als der Stier näherkam, drehte sich der Matador um und floh hinter die Bande. Der zweite Stier kam in die Arena. Seine Hörner waren mit kleinen Polstern zugeklebt, um den Matador nicht zu verletzen. Was war das nur für ein erbärmliches Schauspiel? Auch der zweite Matador hechtete hinter die schützenden Planken.

Ein dritter Stier erschien auf dem Platz. Acht Männer standen ihm gegenüber. Genau zwanzig Sekunden lang, wie ein Reporter berichtete. Ein vierter Stier verfing sich in einem der roten Tücher und rannte ungebremst in die Holzwand.

Erschöpfte Stiere

Das war zuviel für Henry Bergh. Er forderte den ebenfalls anwesenden Polizeipräsidenten auf, dem Spektakel ein Ende zu bereiten. Aber das war gar nicht nötig. Das Publikum machte sich bereits fluchend auf nach Hause.

Es stellte sich heraus, dass die als "wilde Bestien" angekündigten Stiere vom Schlachthof um die Ecke kamen und bereits seit Tagen in Waggons eingepfercht und folglich völlig erschöpft waren. Und die Toreros? Offenbar eine Horde von Kleinganoven und verängstigten Tagelöhnern, die vom Stierkampf keine Ahnung hatten.

So wenig wie Henry Bergh, der den Stierkampf für eine grausame Unterhaltung hielt und nicht für eine Kunst. Aber egal, der Stierkampf war damit in den USA bis auf Weiteres erledigt. Bergh konnte zufrieden und doch angemessen empört den Heimweg antreten.

Dieser Text erschien zuerst in der Print-SZ vom 19.09.2020.

© SZ vom 19.09.2020/odg
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