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Heiratsverbot für Lehrerinnen:"Außereheliche Sexualität war ein No-go"

Das Lehrerinnenzölibat stellte Frauen im Staatsdienst vor die Wahl: Beruf oder Ehe. Vor 100 Jahren wurde das Gesetz abgeschafft. Die Diskriminierung hielt jedoch an, erläutert die Historikerin Sabine Liebig.

Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich das deutsche Bildungssystem immer mehr für Frauen. Diese begannen, für den Staat zu arbeiten und an Schulen zu unterrichten. Doch die Regierenden stellten Frauen vor eine folgenschwere Wahl: entweder Beruf oder Familie. Beamtinnen im Deutschen Kaiserreich war es gesetzlich untersagt zu heiraten. Eine unterrichtende Mutter war in der Gesellschaft um 1900 nicht vorgesehen. Die im Sprachgebrauch als Lehrerinnenzölibat bezeichnete Regelung wurde mit der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 zwar offiziell aufgehoben. Die Benachteiligung der Pädagoginnen hielt jedoch an.

Die Historikerin Sabine Liebig von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat das Heiratsverbot für Beamtinnen erforscht. Über die jahrelange Diskriminierung, erzwungene Enthaltsamkeit und über die Frage, warum die deutsche Lehrerschaft heute überwiegend weiblich ist.

SZ: Frau Liebig, 1880 wurde im Deutschen Reich das sogenannte Lehrerinnenzölibat erlassen. Weshalb sperrte man den Staatsdienst für verheiratete Frauen?

Sabine Liebig: Man war im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts der Auffassung, dass sowohl Familie als auch Beruf so viele Kräfte benötigen würden, dass eine Frau nicht beides zusammen leisten könne. Frauen mussten sich entscheiden: Wollten sie auch Ehefrau und Mutter werden? Dann mussten sie ihren Beruf aufgeben.

Den Männern traute man die Doppelbelastung aber zu?

Männer beteiligten sich zu der Zeit eher nicht am Haushalt. Für sie war es günstig, wenn sie verheiratet waren. Dann brauchten sie keine Haushälterin. Frauen hielten ihnen den Rücken für die Arbeit frei. Beamte konnten sich voll dem Beruf hingeben. Sie fanden ein von ihren Frauen gemütlich vorbereitetes Heim vor, wenn sie nach Hause kamen.

Die Schriftstellerin Christine Eichel schreibt in ihrem Buch "Deutschland, deine Lehrer" über den Ruf weiblicher Pädagoginnen im 19. Jahrhundert: "Mal sah man in ihnen Mannweiber mit zweifelhafter sexueller Orientierung, mal alte Jungfern, die in Ermangelung weiblicher Reize und interessierter Männer im Schulamt verblühten." Wie kam es zu diesem Frauenbild?

Natürlich gibt es das Bild der alten Jungfer, die verblühte - das wurde auch in den Lehrerinnenzeitschriften thematisiert. Aber im Allgemeinen waren Lehrerinnen engagierte Pädagoginnen, die bewusst diesen Beruf eingingen, weil sie junge Mädchen erziehen wollten. Sie haben sich in Lehrerinnenvereinen engagiert, sind zu Tagungen gefahren, haben sich gegenseitig besucht und Briefe geschrieben. Sie haben ein aktives Sozialleben gehabt. Jedoch nicht so, wie es im 19. Jahrhundert erwartet wurde - im Haus als Frau und Mutter.

Mussten Lehrerinnen um 1900 also einsam und enthaltsam leben?

Es war in dieser Zeit nicht möglich, eine wilde Ehe, oder wie das damals genannt wurde, ein Konkubinat einzugehen. Außereheliche Sexualität war bis ins 20. Jahrhundert hinein für ehrbare Frauen ein No-go. Allerdings gab es wohl relativ viele Wohn- oder Lebensgemeinschaften. Lehrerinnen taten sich zusammen, um nicht einsam zu sein. Ob das nur Wohn- oder wirklich Lebensgemeinschaften waren, lässt sich nur schwer sagen.

War die Entscheidung für den Beruf für manche Frauen auch ein emanzipatorischer Akt, um nicht heiraten zu müssen?

Die wenigsten jungen Frauen bedachten bei ihrer Berufswahl die Konsequenz der Ehelosigkeit. Der Lehrerinnenberuf war für Töchter aus dem Bürgertum eine der wenige Möglichkeiten, sich zu versorgen. Für Mädchen aus der Arbeiterschicht war der Beruf der Volksschullehrerin ein sozialer Aufstieg.

Wie viele Frauen entschieden sich trotz des Eheverbots für den Staatsdienst?

Das Problem mit Statistiken ist, dass es in den Ländern des Kaiserreiches ganz unterschiedliche Zählungen gab. 1886 gab es im größten Land Preußen 6648 Lehrerinnen - im Vergleich zu 58 872 männlichen Lehrern. Das war schon ein großes Ungleichgewicht. Die Zahl stieg aber an. 1896 waren es schon mehr als 10 000.

Das Zölibat spaltete die Frauenbewegung. Einige Vertreterinnen kämpften für die Abschaffung, andere befürworteten das Heiratsverbot.

Es gab tatsächlich Befürworterinnen und da waren auch viele Lehrerinnen dabei. Diese haben nach der Abschaffung 1919 sogar Petitionen eingereicht, um das Gesetz wiedereinzuführen.

Warum?

Sie argumentierten, verheiratete Lehrerinnen, womöglich mit Kindern, würden in der Schule öfter ausfallen, sie seien nicht so zuverlässig wie die unverheirateten. Und Unverheiratete müssten dann einspringen und Rücksicht nehmen und hätten dadurch mehr Arbeit. Die Seite, die das Zölibat abschaffen wollte - übrigens auch viele Männer -, betonte die Vorteile. Sie waren der Meinung, Mütter könnten andere Mütter und Kinder viel besser verstehen. Außerdem ging es um Sexualität: Es sei für Frauen nicht gesund, ohne Sexualität zu leben. Das wurde bei einer Versammlung schon 1904 öffentlich thematisiert. Das fand ich doch bemerkenswert.

Mit der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung am 11. August 1919 hatte das Lehrerinnenzölibat vorerst ein Ende. Ein großer Tag für die Gleichberechtigung?

Das Interessante ist, dass die Verfassung sehr geduldig war. Darin war die Gleichberechtigung festgeschrieben, aber die unteren Behörden haben sie einfach nicht umgesetzt. Da gab es große Klagen. Obwohl das Zölibat abgeschafft war, wurden Lehrerinnen, die geheiratet hatten, auch nach 1919 aus dem Schuldienst entlassen. 1923, zur Zeit der galoppierenden Inflation, musste der Staat bei seinen Beamten sparen. Er erließ eine Personalabbauverordnung, in der Artikel 14 festschrieb, dass Lehrerinnen, die verheiratet sind, entlassen werden sollen. Für Männer gab es das nicht, das war wieder ein diskriminierender Artikel. Bis auf die Kommunistische Partei hat der gesamte Reichstag dem Gesetz zugestimmt.

Endgültig abgeschafft wurde das Lehrerinnenzölibat erst in der Bundesrepublik im Jahr 1951. Baden-Württemberg ließ sich noch länger Zeit und beendete die Benachteiligung erst 1956. Weshalb dauerte das so lange?

Im Grundgesetz von 1949 wurde die Gleichberechtigung schon festgeschrieben. Aber wie in Weimar wurden die Gesetze erst später angepasst. Das Land Baden-Württemberg existierte 1951 so noch nicht, der Landtag war mit der Schaffung des neuen Südweststaates ziemlich beschäftigt. Außerdem war die konservative CDU stärkste Partei. Das Land hatte andere Probleme als die Abschaffung des Lehrerinnenzölibats.

Und in der DDR?

Ich habe keine verlässlichen Quellen zur DDR gefunden, aber dort galt mit der Verfassung von 1949 der Gleichberechtigungsgrundsatz, der überall durchgesetzt wurde. Es konnte nicht im Interesse der SED sein, verheiratete Lehrerinnen von ihrem Beruf auszuschließen, da der Staat alle Arbeitskräfte benötigte.

Heute würde das Schulsystem ohne Frauen kollabieren, 70 Prozent der deutschen Lehrer sind weiblich. Ist die Diskriminierung damit Geschichte?

Heutzutage kann jeder entscheiden, was er oder sie studieren möchte. Aber: Der größte Anteil von Frauen sitzt in Grundschulen, dort sind die am schlechtesten bezahlten Lehrerinnenstellen. Es gibt auch viele Frauen, die sagen: "In der Grundschule kann ich am besten arbeiten, dort kann ich die Arbeitszeit meiner familiären Situation anpassen, da wird nicht so viel von mir verlangt." Mit Diskriminierung hat das aber nichts zu tun, sondern mit Wahlfreiheit. Der Bereich ist für Männer nicht besonders attraktiv, weil die Aufstiegschancen nicht so groß sind. Die Anerkennung für Lehrerinnen und Lehrer ist in unserer Gesellschaft ohnehin nicht so hoch.

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