Geschichte Die blinden Flecken der Historiker

Demonstranten in Chemnitz. Wie es nach 1945 dazu kommen konnte, sollte Historiker mehr interessieren.

(Foto: dpa)

In Kürze wird in Münster der Historikertag eröffnet. Viel zu wenig hat sich die Zunft bisher dafür interessiert, wie es mit der radikalen Rechten und mit dem Rassismus in Deutschland nach 1945 weiterging.

Kolumne von Norbert Frei

Um "Gespaltene Gesellschaften" soll es gehen, wenn in zehn Tagen in Münster die deutsche Geschichtswissenschaft zusammenkommt. Das Leitthema steht seit Langem fest. Gut möglich aber, dass seine inzwischen geradezu beklemmende Brisanz noch einmal mehr - vor allem studentisches - Publikum lockt, als bei Historikertagen schon seit den Neunzigerjahren die Regel; aus dem einstigen Professorentreffen ist Europas größter geisteswissenschaftlicher Kongress geworden, der alle zwei Jahre mehrere Tausend Teilnehmer anzieht. So weit, so vielversprechend?

"Nur wer die Geschichte kennt, versteht die Gegenwart." "Keine Zukunft ohne Geschichte." So oder ähnlich lauten die Formeln, wenn die (meist männlichen) Festredner aus der Politik den versammelten Historikerinnen und Historikern zu schmeicheln suchen, und die Formeln sind ja nicht falsch. In diesem Jahr ist Wolfgang Schäuble eingeladen, ein erklärter Großkonsument historischer Literatur - man darf daher hoffen, dass es der Bundestagspräsident bei solcher Gratulationsroutine nicht belässt.

Unlängst erst hat die traditionsreichste Partei dieses Landes ihre - zugegebenermaßen zuletzt ziemlich schlafmützige - "Historische Kommission" abserviert. Offenbar glaubt Andrea Nahles, die SPD werde ihre Talfahrt leichter bewältigen, wenn sie sich den Blick in den Rückspiegel erspart. Jedenfalls schweigt die Parteivorsitzende bis heute zu dem offenen Brief, in dem mehr als 1100 Fachvertreter und historisch Interessierte, darunter keineswegs nur Mitglieder oder Anhänger der SPD, darum bitten, die Entscheidung zu revidieren. "Angesichts der vielen globalen Herausforderungen und der immer rabiateren 'Lösungs'-Vorschläge von Populisten und Nationalisten sind die geschichtlichen Erfahrungen der Sozialdemokratie von essentieller Bedeutung", heißt es in dem Appell. Auch ich habe ihn unterschrieben und finde es richtig, dass seine Initiatorin Christina Morina in Münster noch einmal nachbohren will. Welchen Stellenwert hat, jenseits von Lippenbekenntnissen, die historische Reflexion in der Politik?

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Es wird, das zeichnet sich bereits ab, nicht die einzige Debatte über die kritische Funktion und die gesellschaftliche Verantwortung der Geschichtswissenschaft bleiben. Ob und wie sich unsere Zunft der wachsenden Radikalisierung im Land entgegenstellen kann, das bewegt viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Eine klare Positionierung gegen Gewalt und Menschenfeindlichkeit ist dabei das eine; das andere ist die Produktion von zeithistorischem Wissen und dessen Verbreitung.

Was Letzteres betrifft, so werden jetzt leider große blinde Flecken deutlich. Zwar ist kein Mangel an Büchern über die Gewaltgeschichte der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Viel zu wenig aber hat sich die Zeitgeschichtsforschung bisher dafür interessiert, wie es mit der radikalen Rechten, mit Rassismus und gesellschaftlicher Ausgrenzung in Deutschland nach 1945 weiterging. Natürlich weiß jeder, dass Antisemitismus und Feindschaft gegenüber Minderheiten nicht mit dem Krieg zu Ende waren (übrigens weder im Westen noch im Osten, auch wenn dort im Zeichen von Antifaschismus und sozialistischer Völkerfreundschaft nicht sein konnte, was nicht sein durfte). Auch dass es dauerte, ehe - jedenfalls im Westen -, aus einer von außen gestifteten eine im Innern angenommene Demokratie wurde, ist kein Geheimnis. Über die Hartnäckigkeit gleichwohl fortbestehender autoritärer und rassistischer Dispositionen geben nicht nur sozialwissenschaftliche Analysen Auskunft, sondern auch seit Jahrzehnten laufende, meist deprimierende Erhebungen der Demoskopie. Genuin historische Darstellungen zu diesen schwarzen Seiten unserer Demokratie gibt es jedoch kaum. Zu lange hat sich die Zeitgeschichtsschreibung vor allem auf die "Erfolgsgeschichte" der Bundesrepublik konzentriert - und darauf, wie Deutschlands "Ankunft im Westen" glückte.

Mittlerweile ist dieses Deutschland auf eine Weise westlich-"normal" geworden, wie kein Demokrat es sich wünschen kann. Mit einer gewissen Verspätung zwar gegenüber vielen unserer europäischen Nachbarn und den USA, nun aber mit Macht, hat sich der Rechtspopulismus über das Land gelegt und zeigt der Rassismus seine Fratze. Nicht erst seit Chemnitz setzt die Rechte die Themen und mobilisiert die Straße. In dieser Situation sind Historikerinnen und Historiker doppelt gefordert: als Bürger und als Wissenschaftler. Dabei geht es nicht allein darum, den demagogisch gewieften Überzeugungstätern innerhalb und außerhalb der Parlamente entgegenzutreten. Noch wichtiger ist es, sich um deren Mitläufer zu kümmern, die über die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert wenig wissen und gerne groß karierten Nationalisten glauben, die von "Vogelschissen" faseln.

Übertriebene Hoffnung in die schnelle Heilkraft des historischen Arguments soll man allerdings nicht haben; die Verachtung für die Demokratie und ihre Deutungseliten speist sich aus vielen Quellen, darunter nicht zuletzt solche, zu denen Wirtschaftshistoriker einiges sagen können. Denn es hat benennbare ökonomische Gründe, wenn sich in unserem boomenden Land zahlreiche Menschen abgehängt sehen - und noch mehr fürchten, abgehängt zu werden. Die Ursachen solcher Ängste liegen jedoch beileibe nicht nur im Materiellen: Es geht auch um Gefühle gesellschaftlicher Wertschätzung und sozialen Aufgehobenseins; um Faktoren also, mit deren Management sich autoritäre Regime notorisch leichter tun als die liberale Demokratie.

In diesem Kontext kann historische Aufklärung zum Beispiel zeigen, dass "Volksgemeinschaft" kein Rezept gegen "gespaltene Gesellschaften" ist. Und sie kann zeigen, wie sich die Deutschen mit einer Ideologie der sozialen Formierung, der die rassistische Ausgrenzung zwangsläufig auf dem Fuße folgte, schon einmal in den zivilisatorischen Abgrund manövrierten. Dazu freilich bedarf es der genauen Beschreibung, der sorgsamen Darstellung. Genau dafür aber wird es nicht leichter in Zeiten, in denen jedes Argument in 280-Zeichen-Tweets passen soll. Noch ein Problem, für dessen Lösung in Münster gute Ideen gefragt sein werden.

Kolumne von Norbert Frei

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena und lehrt gegenwärtig an der Stanford University. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.