OsteuropaDie Vielfalt ukrainischer Geschichte

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Ein Bild aus einer anderen Zeit: Zahlreiche Menschen flanieren am 23. August 2014, dem Vorabend des Unabhängigkeitstages, auf dem  Maidan-Platz in Kiew. Am 24. August feiern die Ukrainer den Nationalfeiertag, mit dem an die Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 erinnert wird.
Ein Bild aus einer anderen Zeit: Zahlreiche Menschen flanieren am 23. August 2014, dem Vorabend des Unabhängigkeitstages, auf dem  Maidan-Platz in Kiew. Am 24. August feiern die Ukrainer den Nationalfeiertag, mit dem an die Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 erinnert wird. Bernd von Jutrczenka/dpa

Man darf die Ukraine nicht auf ihre Beziehung zu Russland und ihre „Nationswerdung“ reduzieren, fordert der Historiker Andrii Portnov. Seine kompakten Ukraine-Studien erweitern endlich den Horizont.

Rezension von Franziska Davies

Der deutsche Buchmarkt zur Ukraine hat in den vergangenen drei Jahren eine Vielzahl von Neuzugängen gesehen. Der Grund dafür spricht nicht für das deutsche Verlagswesen, das offenbar bis zur russischen Vollinvasion die Ukraine, ihre Geschichte und Kultur für vernachlässigbar hielt. Dabei waren nicht alle Publikationen von Autoren, die sich tatsächlich durch eine fundierte Expertise zur Ukraine auszeichneten. Das ist im Fall des neu erschienenen Bandes „Ukraine-Studien. Einführung“ anders. Der Autor, der Historiker Andrii Portnov, gehört international zu den profiliertesten Kennern der ukrainischen Geschichte und er hat mit seiner jüngsten Publikation eine Lücke gefüllt.

Portnov hat keine Überblicksdarstellung der Ukraine geschrieben, sondern ihm gelingt es anhand von drei Hauptthemen (Geschichte, Politik und Gesellschaft; Sprache, Literatur und Kultur und schließlich Kulturkontakte und kultureller Austausch) tatsächlich das zu liefern, was der Titel verspricht: eine Einführung in zentrale Themen, Problemstellungen und Forschungsfeldern der Ukraine-Studien. Ein Anliegen Portnovs ist es dabei, die Geschichte der Ukraine eben nicht auf ihre Nationswerdung zu reduzieren, sondern im Sinne einer Verflechtungsgeschichte die Vielfalt ukrainischer Geschichte sichtbar zu machen. Während die Beziehungen zu Russland aus naheliegenden Gründen inzwischen vielfach auch in Publikationen für ein breiteres Lesepublikum thematisiert worden sind, öffnet Portnovs Buch auch den Blick für in Deutschland unterbelichtete Themen, wie etwa die Geschichte polnisch-ukrainischer und jüdisch-ukrainischer Verflechtungen. Die Konflikthaftigkeit und die phasenweise massive Gewalt in diesen Beziehungen spart er nicht aus, zeigt aber, dass etwa im Falle der polnisch-ukrainischen Beziehungen etwas gelang, das im Falle der russisch-ukrainischen Beziehungen (an Russland) scheiterte.

Andrii Portnov: Ukraine-Studien. Einführung. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2025. 170 Seiten, 21,90 Euro.
Andrii Portnov: Ukraine-Studien. Einführung. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2025. 170 Seiten, 21,90 Euro. Nomos

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es hier nämlich durchaus Parallelen: Auch die traditionell starken polnischen Eliten in der heutigen Westukraine sahen die ukrainische Bevölkerung eher als Variante der eigenen Nation und das Territorium als Teil des eigenen Staates, was es in der Zweiten Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit auch war. Erst durch den Hitler-Stalin-Pakt und infolge des Zweiten Weltkriegs wurde es Teil der Sowjetukraine. Bereits kurz nach Ende des Kriegs argumentierten führende polnische Intellektuelle im Exil trotzdem, dass Polen die Ansprüche auf diese Gebiete aufgeben müsse. In einem freien Europa mit einem freien Polen dürfe es keinen polnischen Imperialismus gegenüber Litauern, Ukrainern oder Belarussen mehr geben. Diese Überzeugung teilten führende Intellektuelle der polnischen Solidarność in den 1980er-Jahren und sie wurde nach dem Zerfall des Kommunismus Wirklichkeit – Polen war eines der ersten Länder, die die Ukraine im Jahr 1991 als unabhängigen und souveränen Staat anerkannten. Der Gegensatz zu Russland, wo bis heute weite Teile der Gesellschaft einen kolonialen Blick auf die Ukraine kultivieren und die imperiale Identität Teil des russischen Selbstbildes bleibt, ist frappierend.

Über lange Zeit wurden Ukrainer als „Nationalisten“ diffamiert

Das ist nur ein Beispiel für die vielfältigen Perspektiven, die Portnov in seinem Buch für seine Leserschaft öffnet. Andere Themen sind die unterschiedlichen historischen Ausprägungen des ukrainischen Nationalismus und die Rolle sozialistischer Denker. Beide Ideologien hatten auch innerhalb der Ukraine stets lautstarke Kritiker. Auch in diesem Kontext erweitert das Buch Aspekte, die in der westlichen Debatte oftmals untergehen. Dabei stellt Portnov Überlegungen an, die auch für Experten in hohem Maße relevant sind. Zu Recht verweist er auf die problematische Tendenz, nicht nur in der breiteren Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der akademischen Forschung, ukrainische politische Bestrebungen nach Autonomie und Unabhängigkeit als „nationalistisch“ zu charakterisieren, auch wenn sie sich keineswegs als solche verstanden. Das ist auch deswegen eine Verzerrung, weil es auf eine Übernahme imperialer Kategorien für die Analyse der Geschichte der Ukraine hinausläuft. Schließlich war genau das bereits zu Sowjetzeiten die Strategie des Kremls: jedes ukrainische Bestehen auf eine eigene Sprache, Kultur und Geschichte wurde als Ausdruck eines „bourgeoisen Nationalismus“ diskreditiert. Es ist kein Zufall, dass Russland bereits den Maidan von 2013/14 als Werk von „Nationalisten“ (teilweise erfolgreich) dämonisierte und heute seinen genozidalen Krieg auf der Lüge der Herrschaft angeblicher „ukrainischen Nazis“ zu legitimieren versucht.

Neben vielen anderen Verdiensten sensibilisiert dieser Band für solche strukturellen Kontinuitäten, zugleich aber reduziert er die Geschichte der Ukraine nicht auf das russisch-ukrainische Verhältnis. Auch den vielfältigen Beziehungen zu Deutschland ist etwa ein Kapitel gewidmet. Besonders an diesem Buch ist, dass Leser mit ganz unterschiedlichen Hintergründen von der Lektüre profitieren werden: vom interessierten Laienpublikum, über Studienanfänger der Geschichtswissenschaft oder Politologie bis hin zu etablierten Osteuropa-Fachleuten.

Franziska Davies ist Osteuropa-Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschungen in Potsdam.

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