Geschichte der NSDAP Eine Mark für Hitler

Auftritt gegen Eintrittsgeld: Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller nach der Neugründung der Partei - vor weihnachtlicher Kulisse.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Judenhass, Anti-"Marxismus" und Verschwörungstheorien: Sven Felix Kellerhoff beschreibt in seinem Buch den Aufstieg von Hitlers NSDAP.

Rezension von Rudolf Walther

Etwas eigenartig ist es schon, dass es über die Partei, deren Kürzel auch jene verstehen, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus gar nicht oder nur dürftig befasst haben, keine wissenschaftlich haltbare Gesamtdarstellung gibt. Zur NSDAP existieren vergleichsweise wenige historische Darstellungen. 1969/73 erschienen die beiden Bände "History of the Nazi Party" von Dietrich Orlow und 1983 Michael H. Katers "The Nazi Party".

Grundsolide ist die soziologisch-politikwissenschaftliche Studie von Jürgen W. Falters "Hitlers Wähler" (1991), aber sie analysiert und interpretiert nur die Wählerschaft und die Wahlergebnisse. Ergänzt hat Falter seine Forschung jüngst mit einer Studie über die Parteimitglieder ("Junge Kämpfer, alte Opportunisten", 2016).

Die verdienstvolle Arbeit von Peter Longerich behandelt nur die SA (1989) und Armin Nolzen beschäftigt sich mit Teilaspekten der "NSDAP"-Geschichte (2004). Ferner gibt es einige Standardwerke zum völkischen Radikalismus in der Weimarer Republik, zur Frühgeschichte der NSDAP sowie wichtige Quellen- und Dokumentenbände.

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Der Historiker und Sachbuchautor Sven Felix Kellerhoff hat sich vorgenommen, eine Lücke zu schließen und eine Gesamtgeschichte der NSDAP zu schreiben. Außer den genannten Studien und einer Vielzahl von anderen Studien stützt er sich auf Archivalien und Quelleneditionen, wie viele Historiker vor ihm. Besondere Beachtung schenkte er allerdings einem selten berücksichtigten Quellenbestand - den Abel-Papers aus dem Jahr 1934.

Der amerikanische Soziologe Theodore Abel lancierte 1934 von den USA aus ein Preisausschreiben, an dem sich jeder beteiligen konnte, der in welcher Form auch immer seinen biografisch-politischen Weg zur Partei Hitlers beschrieb. Innerhalb von drei Monaten beteiligten sich daran 683 Parteifunktionäre, vorwiegend aus Ostpreußen und der Pfalz.

Der Bestand, den Kellerhoff ausgewertet hat, umfasst 3700 Seiten mit Antworten auf das Preisausschreiben von 1934 sowie den 3000 Berichten, die bei der Wiederholung von 1939 eingingen (Einzusehen unter: www.hoover.org/news/newly-digitized-nazi-biograms-now-available).

Was die Frühgeschichte der NSDAP angeht, bringt Kellerhoffs Studie eine informative Zusammenfassung des Forschungsstandes seit den Pionierarbeiten von Ernst Deuerlein und anderen Autoren. Zu dieser Frühgeschichte tragen die Selbstzeugnisse von nationalsozialistischen Funktionären aus den Abel-Papers allenfalls unbekannte Farbtupfer, aber nichts Neues oder gar Weiterführendes bei.

Das ist natürlich dem Autor nicht vorzuwerfen, beschränkt aber die Reichweite seiner Arbeit. Kellerhoff berücksichtigt darin auch lokale und regionale Studien zur recht schleppenden Konsolidierung der NSDAP in München, Württemberg, im Ruhrgebiet und in Österreich. Die Probleme waren überall dieselben - Geldmangel, polizeiliche Verfolgung und mangelnde Resonanz in der Wählerschaft.

Wie die neueren Hitler-Biografien von Ian Kershaw und Volker Ullrich verdeutlichen, ist es wohl hauptsächlich dem Redetalent und dem charismatischen Furor Hitlers zuzuschreiben, dass sich seine Partei im Dschungel völkisch-antisemitischer und gewaltbereiter Gruppen und Grüppchen à la longue durchsetzte. Lange lag der Schwerpunkt der Partei in Bayern, wo die NSDAP - trotz Verboten und Auflagen - mit nachsichtigen Polizei- und Justizbehörden rechnen konnte.

Antisemitismus - Kitt des rechten Spektrums

1923 hatte Hitlers Partei etwa 50 000 Mitglieder, von ihnen waren drei Viertel Angestellte, Handwerker, Facharbeiter, Soldaten oder Bauern und je ein Achtel Arbeitslose bzw. Ungelernte und Tagelöhner. Insofern war die NSDAP von Anfang an eine heterogen zusammengesetzte Volkspartei, mit im Durchschnitt sehr jungen Mitgliedern.

Nach dem Hitler-Putsch vom 8./9. November 1923 kassierte Hitler zwar eine Haftstrafe von fünf Jahren, wurde aber schon zu Weihnachten 1924 vorzeitig entlassen. Zu diesem Zeitpunkt stand die kleine Partei fast überall vor der Spaltung. Aber Hitler setzte sich durch: Gegen putschistische Aktivisten und Rabauken trat er für die Beteiligung an Wahlen ein - um die Parlamente dann von innen heraus zu zerstören.

Die Zahl der NSDAP-Ortsgruppen stieg von 1923 (71) auf 262 (1925). Gregor Straßer und Joseph Goebbels gelang es, die Partei im Norden Deutschlands zu verankern, und Hitler schaltete Konkurrenten aus und schrieb sein 25-Punkte-Programm in der Satzung vom 21. August 1925 als "unabänderlich" fest.

Putschversuch in München

9. November 1923 - Hitlers vergeblicher Griff nach der Macht

Aber das Programm war nicht so wichtig. Kellerhoff macht deutlich, dass "der Kitt des rechten Spektrums" auch bei der NSDAP der Antisemitismus blieb, wofür der Autor aus den Abel-Papers einige unbekannte Belege zitiert. Für die überwiegende Mehrheit der Wähler blieben jedoch der Protest gegen den "Marxismus" und die unentwegte Beschwörung der "Dolchstoß-Legende" ebenso wichtige Motive, für die NSDAP zu stimmen.

Die NSDAP war eine Splitterpartei. 1924 verfügte sie über ganze zwei Dutzend Abgeordnete in Deutschland. Die Ortsgruppen mit Leiter, Schriftführer und Kassenwart finanzierten sich aus Mitgliederbeiträgen (zunächst 50 Pfennige pro Monat, später eine Reichsmark) sowie dadurch, dass bei Vorträgen und Veranstaltungen Eintrittsgeld verlangt wurde - 30 Pfennige, wenn Goebbels kam, eine Mark bei Hitler.

Entgegen dem Mythos von der NSDAP als Partei des Monopol- und Großkapitals spielten Großspenden von reichen Bürgern und Firmen eine geringere Rolle als die Mitgliederbeiträge und die Einnahmen aus Parteiveranstaltungen sowie beim Zeitschriften- und Broschürenverkauf.

1925 gab es 4832 Eintritte - und 1346 Parteiaustritte

Außer den Flügelkämpfen, welche die Partei immer wieder an den Rand einer Spaltung brachten, schwächte die Partei vor allem die hohe Fluktuationsrate. 1925 standen in München zum Beispiel 4832 Eintritten 1346 Parteiaustritte gegenüber. Im Zeichen der Krise von 1929 gab es eine regelrechte Eintrittswelle.

Trotz aller Verdienste bleiben Zweifel, ob Kellerhoff eine Gesamtdarstellung der NSDAP gelungen ist. Die Mosaiksteine, die der Autor in 19 Kapiteln und etwa 120 (!) Unterkapiteln zusammenträgt, ergeben kein Gesamtbild und verbinden die einzelnen Fakten nur spärlich mit analytisch fundierten Synthesen und Interpretationen. Kellerhoffs Ausführungen zur Ideologie der NSDAP überwiegen, die Darstellung der Organisationsgeschichte bleibt dagegen blass.

Den Eindruck vermag auch ein Stilmittel des Autors nicht zu beseitigen, wovor ihn ein kluger Lektor leicht hätte bewahren können: Alle 16 Hauptkapitel beginnen mit Lebkuchenversen von strotzender Gemeinplätzigkeit in der Preislage von: "Geld ist eine ernste Angelegenheit." "Erfolg macht attraktiv." "Totgesagte leben länger." "Gelegenheiten machen Geschichte" usw. Solche Plattitüden suggerieren nur, was fehlt. Ein wohlgeordneter Zettelkasten ist die Basis für ein Buch, macht aber noch keines aus.

Sven Felix Kellerhoff: Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder. Klett-Cotta Stuttgart 2017, 464 Seiten, 25 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Adolf Hitler Hitlers Wurf im Hofbräuhaus

NSDAP-Gründung

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