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Geschäfte mit der Armut:Desmond will aufrütteln

Desmond will aufrütteln, ihm geht es um die Folgen für die Gesellschaft. Wer in überteuerten und minderwertigen Wohnungen lebt, wird schneller krank und findet nicht die nötige Sicherheit, um über das Monatsende hinaus zu planen, sich weiterzubilden oder einem besseren Job zu suchen. Arleens Söhne Jori und Jafaris wechseln wegen der Umzüge ständig die Schule. Wie sollen sie konzentriert lernen, wenn die Familie bei Freunden unterkommt oder mit 120 Gestrandeten im Obdachlosenheim schlafen muss?

Im Winter 2017 sagte Desmond der SZ: "Als ich mit der Recherche begann, dachte ich: 'Kinder schützen sicher vor dem Rauswurf'" Seine Daten zeigen aber, dass die meisten in Milwaukee evakuierten Menschen Kinder haben, die im Durchschnitt sieben Jahre alt sind. Oft habe er Faktoren wie Ausbildung, Hautfarbe oder Verschuldung in Modellen geprüft, so Desmond: "Das Ergebnis war immer gleich: Mit Kindern steigt das Risiko einer Zwangsräumung um das Dreifache."

Gewiss: Auch für ärmere Weiße, die nur Hilfsjobs haben oder mit Schmerzmittelsucht kämpfen, ist die Lage brutal. Am härtesten trifft es aber einkommensschwache schwarze Frauen, deren Männern oft inhaftiert sind. "Poor black men were locked up, poor black women were locked out", bilanziert Desmond. Solche Formulierungen kann die an sich gute Übersetzung von Volker Zimmermann und Isabelle Brandstetter nur mit sperrigen Worten übertragen.

Der Vergleich passt leider: Wie eine Gefängnisstrafe bleibt eine Zwangsräumung in den USA mitunter ein Leben lang in den Akten sowie den Datenbanken kommerzieller Anbieter stehen. Dies verhindert oft, dass die Betroffenen Zugang zu Sozialleistungen erhalten oder zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden. Wie dramatisch die Lage für Mütter ist, zeigt ein Beispiel aus der Bronx: Dort hat das Vollstreckungsgericht eine Tagesstätte eingerichtet, um die vielen Kinder zu betreuen, damit die Verfahren abgearbeitet werden können.

Egal ob er den 23. Dezember in "Saal 400" des Gerichtsgebäudes in Milwaukee verbringt oder seine Protagonisten zum Arbeitsamt begleitet: Als Autor zeigt Matthew Desmond enormes Talent (schon sein erstes Buch "On the Fireline" über Arizonas Feuerwehrmänner wurde 2007 ausgezeichnet). Er biedert sich nicht an und macht Menschen wie Arleen und Larraine nicht zu Heiligen. Natürlich treffen sie falsche Entscheidungen, aber Desmond macht deutlich, dass für Arme jeder Fehler größere Konsequenzen haben kann als für Angehörige in der Mittelschicht.

"Die Wohnungspolitik in den USA hilft jenen Bürgern, die ohnehin am meisten haben."

Auch die Vermieter werden nicht nur als gierige Bösewichte beschrieben. Tobin und Sherrena kommen ihren Mietern oft entgegen und bieten an, ausstehende Schulden durch Handwerkerarbeit auszugleichen. Gerade die Afroamerikanerin Sherrena wirkt mitunter wie eine Sozialarbeiterin, die manchen Mietern aus der Krise helfen will, aber es ist doch stets klar, wie die Macht verteilt ist.

Matthew Desmond: Zwangsgeräumt. Armut und Profit in der Stadt. Aus dem Amerikanischen von Volker Zimmermann und Isabelle Brandstetter. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 544 Seiten, 26 Euro. E-Book 24,99 Euro.

Im Gespräch wirkt Matthew Desmond fast schüchtern, aber seine Kritik hat es in sich. "Ausbeutung" sei das beste Wort, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben. Er wirft seinen Landsleuten vor, sich selbst zu belügen. Armut werde als "trauriger Zufall" angesehen oder als moralisches Versagen. "Beide Sichtweisen sehen Armut nur als ,Mangel'. Dabei zeigt der Wohnungsmarkt: Der Gewinn des Vermieters ist der Verlust des Mieters. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, ob wir es hinnehmen wollen, dass das Einkommen des Vermieters 30 oder 50 Mal so groß wie das des Mieters."

Diese scharfen Worte finden Gehör. Desmond ist einer der wichtigsten US-Intellektuellen unter 40 und unter anderem Gewinner des Genius-Award der Mac-Arthur-Stiftung. Wann der 38-Jährige eigentlich schläft, ist angesichts seines Arbeitspensums ungewiss. Er schreibt Reportagen für den New Yorker und das New York Times Magazine und baut an der Elite-Uni Princeton das "Eviction Lab" auf. Mit einem Dutzend Mitarbeitern legt er eine Datenbank zum Thema Zwangsräumungen an, die öffentlich zugänglich ist. 83 Millionen Gerichtsakten sind integriert. Und vor Jahren hat er "Just Shelter" gegründet, eine Organisation, die Aktivisten vernetzt.

Desmond warnt davor, die Verantwortung nur bei den marktgläubigen Republikanern zu sehen. Der politische Wille fehle oft auch unter Demokraten. "Die Wohnungspolitik in den USA hilft jenen Bürgern, die ohnehin am meisten haben. Im Budget ist die vorgesehene Summe für Steuererleichterungen für Eigenheimbesitzer drei Mal höher als jene für sozialen Wohnungsbau."

Desmond will nicht radikal umverteilen, sondern die Höchstgrenze dieser Abschreibung auf 500 000 Dollar halbieren: "Damit wären neun Milliarden frei, um Wohngutscheine an eine Million Familien zu verteilen. Deren Leben würde sich fundamental verbessern, während die Wohlhabenden nicht darben müssen."

Dass dieses außergewöhnliche Buch nichts an Aktualität verloren hat, zeigen zwei Meldungen. Anfang April zeigte eine Studie des Eviction-Lab-Teams, dass allein 2016 eine knappe Million US-Amerikaner wegen Zwangsräumungen mit Gerichten in Kontakt kamen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, da viele freiwillig gehen, um nicht aktenkundig zu werden. Für Desmond steht fest: Was er in Milwaukee beobachtet hat, ist ein landesweites Phänomen und nicht auf Großstädte beschränkt.

© SZ vom 19.04.2018/fued
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