Geschäfte mit der Armut:Wo Amerika sich selbst belügt

Poverty and Evictions in Milwaukee

Wohnungsräumung wegen nicht bezahlter Miete, Februar 2016 in Wauwatosa, Wisconsin.

(Foto: Joshua Lott/The New York Times/Redux/laif)

In "Zwangsgeräumt" erzählt der Soziologe Matthew Desmond Familienschicksale aus dem ärmsten Viertel von Milwaukee. Es ist eines der besten Bücher über den Zustand der USA.

Von Matthias Kolb

An einem bitterkalten Januarnachmittag präparieren zwei Kinder in Milwaukee Schneebälle. Weiße Haufen türmen sich am Straßenrand und die beiden bewerfen vorbeifahrende Autos. Als aus einem plötzlich ein Mann springt, flüchten Jori und sein Cousin ins Haus. Der wütende Autofahrer bricht das billige Schloss mit einigen Tritten auf, dann verschwindet er. Als die Vermieterin von der kaputten Tür erfährt, schickt sie Arleen, der alleinerziehenden Mutter von Jori, eine Räumungsklage.

Wer heute in den USA arm ist, den kann ein einziger Schneeball tief ins Elend stürzen. Arleen zieht vorübergehend mit Jori und ihrem asthmakranken Sohn Jafaris in ein Obdachlosenheim und findet erst Monate später eine neue Wohnung. Die Afroamerikanerin gehört zu jenen Personen, die der Soziologe Matthew Desmond für eineinhalb Jahre begleitet hat. Er lebte 2008/2009 in der North Side, dem schwarzen Armenviertel Milwaukees, und mit jenen Menschen, die oft als White Trash abgetan werden.

"So etwas wäre bei Essensmarken unvorstellbar, doch bei Wohnungen nehmen wir es hin."

"Ich habe ihre Kinder gehütet, von ihren Tellern gegessen und neben ihnen geschlafen", berichtet Desmond über diese intensive Zeit, in der er das Vertrauen der Menschen gewann. Sie ließen ihn ihre Unterhaltungen aufzeichnen und aus den 5000 Seiten Material entstand nach der Doktorarbeit "Zwangsgeräumt", eines der besten Bücher über den gegenwärtigen Zustand der USA; 2017 wurde es mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, und sowohl Barack Obama als auch Bill Gates empfehlen dringend die Lektüre, um zu verstehen, wieso der Aufstiegsmythos des American Dream für so viele nur noch eine hohle Phrase ist.

Meisterhaft verwebt Desmond die Geschichten von acht Familien mit Analysen und Statistiken, die er mitunter selbst erhoben hat. So wurde zwischen 2008 und 2011 jeder achte Mieter in Milwaukee zum Wohnungswechsel gezwungen und jeder vierte Geringverdiener gibt mindestens 70 Prozent seines Einkommens für die Miete aus.

So kann jede zusätzliche Belastung, sei es eine Beerdigung, eine plötzliche Krankheit oder eine Autoreparatur, dazu führen, dass die Miete nicht beglichen werden kann - und dann rücken jene Teams an, die fast alle Sheriff Departments gebildet haben: Speziell geschulte Polizisten, die ausschließlich Zwangsräumungen und Vollstreckungen durchführen. Die Möbel und Taschen landen entweder auf dem Bürgersteig oder werden von Spediteuren zu horrenden Preisen eingelagert, wodurch der Schuldenberg weiter wächst.

Desmond räumt auf mit dem Vorurteil, dass arme Amerikaner in Sozialwohnungen leben oder üppige Zuschüsse kriegen. Nur jede vierte Person, die ein Anrecht auf Mietunterstützung hat, erhält diese, betont er: "So etwas wäre bei Essensmarken unvorstellbar, doch bei Wohnungen nehmen wir es hin." Besonders erhellend ist der Einblick in die Maschinerie der Profitmaximierung. Desmond hat dreißig Vermieter interviewt, und einige öffneten ihre Geschäftsbücher. Tobin (alle Namen sind Pseudonyme) hat 1995 den "College Mobile Home Park" mit 131 Wohnwagen für 2,1 Millionen Dollar gekauft. 2004 war alles abbezahlt und nun macht Tobin 450 000 Dollar Gewinn - jedes Jahr. Diese Summe streicht er ein, obwohl Milwaukee den Park wegen Dutzender Verstöße als "biologische Gefahrenquelle für die Umgebung" eingestuft hat.

Dass dort weiter Menschen leben und 550 Dollar für einen Trailer bezahlen, stört den Stadtrat kaum. Allgegenwärtig ist die Überzeugung, Armut sei die Folge individuellen Versagens. Der Doktorand Desmond lebte vier Monate dort - meist ohne heißes Wasser. Berührend ist sein Porträt der Nachbarin Larraine, einer Großmutter mit maximal fünf Dollar Tagesbudget. "Als sie rausgeworfen wurde, schlich sie sich in den Wohnwagen ihres Bruders, der keine Heizung hat. Sie verkroch sich unter vielen Decken und fiel in eine tiefe Depression", erinnert sich Desmond.

Viel Zeit verbringt der Autor in der Rostlaube der Afroamerikanerin Sherrena. Der Sportwagen der ehemaligen Lehrerin bleibt in der Garage, wenn sie die bar zu zahlenden Mieten einsammelt. "Das Ghetto ist gut zu mir", sagt die Neu-Millionärin. Längst wissen Investoren, dass die Profitmarge in der heruntergekommenen Innenstadt höher ist als in den Vororten, wo anspruchsvolle Mieter eine gute Ausstattung fordern und die Steuern höher sind. "Wenn man sich auf die Geringverdiener spezialisiert, hat man ein regelmäßiges Einkommen. Das ist keine Zukunftsinvestition, sondern für jetzt", erklärt ein Vermieter auf einer Spezialmesse.

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