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Gerücht über toten Flüchtling:Ehrenamtlichen Helfern fehlen professionelle Strukturen

Schnell, direkt, unbürokratisch - diese Art der Hilfe unterscheidet Initiativen wie "Moabit hilft" von staatlichen Behörden. In Krisensituationen wie im Sommer ist das ein unschlagbarer Vorteil. Doch genau das hat im Fall des angeblich verstorbenen Syrers dazu geführt, das sich eine fatale Falschmeldung rasend schnell in sozialen Netzwerken verbreitete. Denn professionelle Strukturen, die einen solchen Fall überprüfen und die Kommunikation in die richtige Richtung leiten können, haben Initiativen wie "Moabit hilft" oft nicht. Das schreibt der Verein selbst auf Facebook: "Wir sind kein Unternehmen mit ausgefeilten Compliance-Regeln." Das Überprüfen und Entkräften der längst außer Kontrolle geratenen Meldung mussten am gestrigen Mittwoch staatliche Stellen übernehmen. Sehr zu deren Ärger.

Doch nicht nur im Umgang mit der Öffentlichkeit fehlt die Professionalität. Vielfach sind die Helfer auch in ihrer ehrenamtlichen Arbeit überfordert. "Diese Unterstützer, die das Leid der geflüchteten Menschen am Lageso persönlich miterleben, gehen dabei oft bis an ihre Grenzen", schreibt "Moabit hilft". Dabei spielt zum einen das Überschätzen der persönlichen Belastbarkeit eine Rolle. Sozialarbeiter beobachten nicht nur am Lageso einen regelrechten Wettbewerb unter ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern: Wer hält am längsten ohne Pause durch, ohne Schlaf? Wer betreut die meisten Flüchtlinge?

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Es fehlt den Helfern in ihrer Arbeit häufig auch die Fähigkeit, sich zum Selbstschutz vom Leid der Geflüchteten abzugrenzen. Sozialarbeiter lernen das in ihrer Ausbildung, anders können sie ihren Job nicht machen. Manche Ehrenamtliche hingegen haben schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie nach einem langen Tag in der Flüchtlingsunterkunft ins Restaurant essen gehen oder sich einfach vor den Fernseher legen. Erst recht wenn - wie vor dem Lageso - für sie der Eindruck entsteht, es könne jederzeit ein Flüchtling sterben.

Ehrenamtliche Arbeit begrenzen - zum Schutz der Helfer

Die einzige Lösung scheint: Die ehrenamtliche Arbeit muss Grenzen haben, und zwar nicht zuletzt zum Schutz der Helfer. In Berlin hatte sie im Sommer vor dem Lageso keine Grenzen, zu Recht schrieben Journalisten damals von "Staatsversagen". Noch heute sind die Zustände dort alles andere als zufriedenstellend. Erst diese Woche berichteten Leiter von Flüchtlingsunterkünften, dass ihre Bewohner kein Geld für Lebensmittel hätten - weil die Behörde die ihnen zustehenden Leistungen nicht ausgezahlt habe. Daher rührt verständlicherweise die Auffassung vieler Helfer, dass ohne sie am Lageso nichts geht. Daher rührt die Überforderung. Daher rührt auch der Ärger der Helfer und ihre Bereitschaft, einem der ihren eher zu glauben als dem Berliner Senat, von dem sie enttäuscht wurden.

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Seit dem Sommer hat sich zwar durchaus etwas zum Guten verändert, haben sich an einigen Stellen professionelle Strukturen etabliert. Inzwischen gibt es Wärmezelte am Lageso, hauptamtliche Ärzte. Die Caritas koordiniert die Arbeit der Ehrenamtlichen und bezahlt einige Mitglieder von "Moabit hilft" für ihre Arbeit. Die Initiative selbst bietet auf ihrer Facebook-Seite psychologische Betreuung für Helfer an. Langfristig werden aber nur weitere deutliche Verbesserungen am Lageso dazu führen, dass Helfer ihre Grenzen nicht nur erkennen, sondern sie auch akzeptieren können.

Das ist übrigens für motivierte Ehrenamtliche gar nicht immer so leicht, selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Denn die eigenen Grenzen zu akzeptieren heißt manchmal auch, Gestaltungsspielraum und Einfluss abzugeben, heißt, sich unterordnen zu müssen. Und im Zweifelsfall auch einmal gegen den eigenen Willen nach Hause zu gehen, wenn einer der hauptamtlich Verantwortlichen der Meinung ist: Es reicht.

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