Gert Schramm Totgestiefelt beim Stillhalte-Appell

"Wenn man dreihundert Sperlinge hat und einen weißen dazwischensetzt, welchen sieht man dann zuerst?", fragt Schramm. Er breitet die Arme aus und muss selbst über den Vergleich lachen.

Im KZ muss er vor den Blicken der Mörder in der schwarzen Uniform verborgen werden. Die kommunistischen Gefangenen sorgen dafür, dass er schließlich in die Geräteabteilung kommt: Dort musste er "Lumpen pressen, alles was für den Endsieg gesammelt wurde". Aber "keine Menschenknochen", versichert er.

KZ-Buchenwald, einige Tage nach der Befreiung: US-Soldaten und ehemalige Häftlinge stehen vor einem Hänger mit Leichnamen im Innenhof des Krematoriums. Im Hintergrund der Zoologische Garten der SS.

(Foto: Foto: National Archives Washington)

Nur selten kam einer der unerbittlichen Herrenmenschen vorbei, um ein Schmuckkästchen für die Verlobte in Auftrag zu geben. "Dann machten sie gutes Wetter", sagt Schramm. Auch der für ihn zuständige Scharführer, laut dem heute 80-Jährigen eine "Bestie", lässt den Jungen in Ruhe: Er war Nachbar von Großvater Schramm in Erfurt.

Gert Schramm hat in Buchenwald mehr Glück als viele andere Häftlinge. Trotzdem: Das erlebte Grauen lässt ihn nicht los.

Da ist das Schicksal von Wolfgang Kohn, einem jungen Leipziger Juden. Bei einem Stillhalte-Appell bewegt er sich angeblich - ein SS-Mann stiefelt ihn zu Tode. Oder einmal schlug ein SS-Arzt dem verletzten Schramm ohne Narkose einen Metallsplitter aus der Schädeldecke.

Das Krematorium, die "Entlassungsanstalt"

Und dann dieser Geruch, der Geruch des Todes, der über Buchenwald lag. Das Krematorium, aus dessen Schornstein die Flammen zeitweise meterhoch schlugen. Das Gebäude mit den Öfen war die "Entlassungsanstalt", erzählt Schramm: "Hier wurde man als kleine Wolke durch den Schornstein entlassen."

Dachte er damals an seine Zukunft? Verächtlich winkt Schramm mit beiden Händen ab. Die Zukunft war nichts wert, nur der nächste Tag zählt.

Anfang April 1945 vegetieren Schramm und etwa 48.000 weitere Häftlinge in Buchenwald. Der Krieg ist für Adolf Hitlers Deutschland längst verloren, die Amerikaner stehen bei Gotha.

Dennoch schickt die Lagerleitung 28.000 Gefangene auf Todesmärsche. Jeder Dritte stirbt unterwegs - oder wird von der SS, dem Volkssturm oder Angehörigen der Hitlerjugend erschossen.

"Kameraden, wir sind frei"

Gert Schramm bleibt im Lager. Irgendwann hört er Kriegslärm. US-Truppen und Deutsche liefern sich Gefechte. Einige SS-Leute fliehen, der Kommandant setzt sich "mit einem Propellerflugzeug" ab. Am Nachmittag des 11. April übernehmen bewaffnete Häftlinge die Kontrolle über das Lager und nehmen verbliebene SS-Leute fest.

"Kameraden, wir sind frei", erklärt der Lagerälteste Hans Elden über die Lautsprecheranlage. Erste US-Kundschafter werden vor dem Lager gesehen. Gert Schramm begreift erst zwei Tage später, was passiert. Die Amerikaner treffen ein.

Dann kommen 1000 Weimarer Bürger, zum Besuch genötigt durch die Befreier. Schramm steht dabei und denkt: "Jetzt seht mal, was hier unter eurer Duldung so angerichtet wurde." Er sieht das Entsetzen in ihren Gesichtern, als sie vor gestapelten Leichen vor dem Krematorium stehen, sieht sie ohnmächtig wegsacken, als ihnen die Lampenschirme aus gegerbter Menschenhaut gezeigt werden. "Davon haben wir nichts gewusst", rufen einige.

Ein amerikanisches Filmteam hat die bizarre Szenerie festgehalten, längst abrufbar als Youtube-Video. Zeitzeugen wie Gert Schramm gibt es immer weniger. Aus seiner Geschichte und seinen Erlebnissen lernen junge Deutsche.

Seit Jahren besucht Schramm Schulen und erzählt von seiner Zeit im KZ Buchenwald. Der einst Verfolgte ist schon lange alarmiert durch den wachsenden Rechtsextremismus. In seiner Heimatstadt Eberswalde wurde 1990 der Angolaner Amadeu Antonio Kiowa das erste Todesopfer von Fremdenhass im wiedervereinigten Deutschland. Schramm, damals Chef der Freiwilligen Feuerwehr, kannte ihn.

Der frühere KZ-Häftling hat mit Neonazis nur einmal eine brenzlige Situation erlebt. Damals, er fuhr noch Taxi, stiegen drei betrunkene Rechtsextreme ein und pöbelten: "Was machste denn, wenn wir dir das Auto wegnehmen?"

Daraufin sagte Schramm: "Ich fahre jetzt zwischen 110 und 120. Ich würde das Auto rechts gegen 'nen Baum setzen. Und beguck du dich mal, wie du dann aussiehst!"

Gert Schramm zeigt auf einen imaginären Baum in seinem Wohnzimmer, gegen den er - ohne zu zögern - damals gefahren wäre. "Alles Bekloppte", meint er und tippt sich an die Stirn.

Vielleicht lernen ja die "Bekloppten" durch den Besuch von Barack Obama etwas dazu, dem Großneffen eines gewissen Charles Payne.