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Gert Schramm:Mit einem Tritt ins Chemikalien-Bad

Konzentrationslager

Das Grauen des KZ Buchenwald

Nach einigen Wochen - es ist Juli 1944, die Allierten sind längst in der Normandie gelandet - muss Schramm ein rosa Papier unterschreiben. Damit quittiert er einen "Schutzhaftbefehl". Der regelt seinen Freiheitsentzug nach dem Reichsrassegesetz: "Auf unbestimmte Zeit, nicht unter 15 Jahren."

Die Gestapo will den Schwarzen loswerden, er soll nach Buchenwald.

1937 mussten die ersten Häftlinge das Konzentrationslager auf dem Ettersberg nördlich der Klassikerstadt Weimar aus dem Boden stampfen. Bis 1945 sperrte die SS eine Viertelmillion Menschen in dieses KZ ein. Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und Sozialdemokraten, Pfarrer und Homosexuelle, russische Kriegsgefangene, sogenannte Arbeitsscheue und viele andere.

Auch Konrad Adenauer sollte nach Buchenwald deportiert werden, Vermerk "Rückkehr unerwünscht". Der nachmalige erste Bundeskanzler konnte dem Transport entgehen - mit Hilfe eines kommunistischen Kapos in einem Kölner Sammellager.

Eine Überlebenschance hätte der damals schon betagte Adenauer kaum gehabt: Gemordet wurde in Buchenwald ebenso, wenn auch nicht in dem Umfang wie in den Tötungsfabriken im Osten. Die Zahl der Todesopfer von Buchenwald wird auf 56.000 geschätzt, vermutlich starben wesentlich mehr Menschen.

Besonders berüchtigt waren die Buchenwald-Außenlager wie Ohrdruf. Dort wurden Menschen durch schwerste Arbeit in den Tod getrieben - sie mussten in den letzten Kriegstagen noch Stollen für ein Führerhauptquartier in den Fels treiben.

Dwight D. Eisenhower, damals Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte und später auch Präsident, besichtigte das berüchtigte Außenlager Ohrdruf kurz nach der Befreiung. Fassungslos stand er vor ausgemergelten Häftlings-Leichen, die die SS zuvor eilig erschossen hatte. "Nichts hat mich je so erschüttert", sagte Eisenhower.

"Tagelang Buntfilm"

Vernichtung durch Arbeit - Gert Schramm droht 1944 ein ähnliches Schicksal. Ihn treibt die SS durch das Lagertor mit der zynischen Aufschrift "Jedem das Seine", die SS-Schergen knüppeln und brüllen.

"Los ihr Schweine, bewegt euch" - Schramm macht es heute vor. Bei der Desinfektion stößt man ihn mit einem Tritt in ein Chemikalien-Bad, hinterher sieht er "tagelang Buntfilm". Der Junge wird eingeteilt in eines der berüchtigten Arbeitskommandos, es geht zum Schuften in den Steinbruch. Jeden Tag sterben zehn, fünfzehn Menschen. Bald wäre auch Schramm dran gewesen.

Konzentrationslager

Das Grauen des KZ Buchenwald

Im Lager war sich "jeder sich selbst der Nächste", erzählt KZ-Häftling 49489: "Freundschaft, so wie wir sie heute verstehen, gab es damals nicht." Wohl aber Solidarität: Ältere Gefangene, vor allem Kommunisten, teilen Gert Schramm nach ein paar Tagen zu einem Baukommando ein. Sie retten ihm damit das Leben.

Das ist ihm wichtig. Bekräftigend klopft Schramm bei dem Satz auf den Fernsehtisch. Ordentlich hat er es hier in Eberswalde. Der Boden glänzt, auf dem großen Flatscreen liegt kein Körnchen Staub. Über dem Fernseher steht auf einem Brett ein schwarzrotgoldener Maßkrug, Inschrift "Einheit, Recht und Freiheit".

Keine Einladung zum Obama-Besuch

Auch heute lässt Schramm nichts auf die Kommunisten kommen. Manche aus der Gedenkstätte Buchenwald halten ihn für einen besonderen Zeitzeugen - aber auch einen, bei dem die "Geschichtsklitterung aus kommunistischer Sicht" mit dem Kriegsende beginnt.

Weil er mit der Leitung der Gedenkstätte über Kreuz liegt, habe er auch keine Einladung zum Obama-Besuch in Buchenwald erhalten, sagt Schramm. Er wird ihn nur am TV-Bildschirm erleben können. Die Verärgerung ist ihm anzumerken. Inzwischen hat eine große Boulevard-Zeitung von der Causa Wind bekommen.

Schramm gibt sich als unabhängiger Kopf. Stolz erklärt er, niemals in einer Partei gewesen zu sein, auch nicht in der SED.

Die ZK-Connection

Nach dem Krieg ackert der Mann, der das KZ Buchenwald überlebt hat, im Bergbau bei der Wismut. Dann geht er für kurze Zeit ins Ruhrgebiet, aber es zieht in zurück in den Osten, der Liebe wegen.

In Eberswalde macht er als Privatmann zu DDR-Zeiten ein Taxiunternehmen auf - dank seiner Vergangenheit in Buchenwald. Sein Fürsprecher im Zentralkomitee der SED heißt Hermann Axen, einst ebenfalls Insasse im KZ Buchenwald und dort einer der "Politischen" - also der Gruppe, die den schwarzen Jungen vor dem Tod im Steinbruch bewahrt hatten.

Heute ist aus dem Taxi-Unternehmen "Schramms Reisen" geworden, der Sohn hat es übernommen. Vater Schramm ist im Schützenverein tätig. Stolz zeigt er seine drei Waffenschränke, die im Flur stehen.