NS-Prozess"Damals wusste ich die Antwort nicht, heute weiß ich sie"

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Der 93 Jahre alte Bruno D. wird im Landgericht in einen Gerichtssaal geschoben.
Der 93 Jahre alte Bruno D. wird im Landgericht in einen Gerichtssaal geschoben. dpa
  • Bruno D. war als 17 und 18 Jahre alter Mann 1944/45 SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig.
  • Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen.
  • Auf manche Fragen hat der 93-Jährige keine Antwort, andere beantwortet er sehr klar.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Als die Sprache wieder auf die Gaskammern und den Tod kommt, wird die Richterin deutlich. Sie will es hören vom Anklagten, deshalb sitzt er hier. "Und dann war es still", sagt sie. "Warum?" - "Ja, warum", sagt Bruno D., der 1944/45 SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig war. "Aber Herr D., wir wissen doch alle die Antwort", sagt die Richterin, sie hat viel Geduld mit dem alten Mann. "Aber damals wusste ich die Antwort nicht, heute weiß ich sie", erwidert Bruno D. "Die Menschen waren still, weil sie dort vergast, weil sie dort ermordet worden waren", sagt die Richterin. "Das war doch das, was gemunkelt wurde."

Tag vier im Prozess gegen Bruno D., damals 17 oder 18 Jahre alt, heute 93-jährig, angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen. Es ist ruhig im Hamburger Landgericht, Saal 300. Bruno D. hat keine laute Stimme, manche seiner Wörter gehen im Rascheln eines Papiers oder einem Hüsteln unter, aber es geht um jedes Wort.

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Noch dazu beginnt die Sitzung diesmal mit dem Hinweis, dass es Bruno D., der im Rollstuhl zur Anklagebank geschoben wird, nicht so gut geht. Für die Fragen trägt er wieder einen Kopfhörer. Es gibt so viele Fragen über seine Rolle als Wachmann im KZ, über die Rollen aller Helfer in den Tötungsmaschinerien der Nazis.

Die Vorsitzende Richterin ist eine besonnene Frau, sie tastet sich auch an diesem Vormittag langsam voran. Manchmal werden ihre Fragen so beantwortet: "Ich weiß nicht." - "Ich kann mich nicht erinnern." - "Ich habe gehört." - "Ich habe später gelesen." Aber manchmal erinnert sich Bruno D. ganz klar. Frage für Frage und Antwort für Antwort fügt sich ganz allmählich ein Bild zusammen.

Die Richterin will erfahren, ob er wusste, wohin es ging, als er als junger Soldat der Wehrmacht aus der Stettiner Kaserne nach Stutthof verlegt wurde. Er spricht von der Bahnfahrt und der grauen Uniform, von Türmen und Stacheldraht, von dem Auftrag, dass er aufpassen sollte, "dass niemand durchgeht", also kein Gefangener durch die Zäune. Durch die mit Strom gespeisten Zäune. "Ist ja schon ein paar Tage her", sagt Bruno D.. 74 bis 75 Jahre liegt seine Zeit in dem Konzentrationslager zurück. "Ja, lange her", sagt die Richterin, "aber manchmal ist es so, dass die ersten Eindrücke prägend sind, Herr D."

Nach wenigen Wochen fühlte sich Bruno D. in Stutthof übel, er wurde mit Verdacht auf Diphtherie in ein Krankenhaus eingeliefert. Als er zurückkehrte, kam er in die SS, das war nach dem Attentat auf Adolf Hitler. Zu seinen Gedanken über das Attentat und die SS macht er kryptisch klingende Angaben. Er sagt auch: "Ich war überzeugt, dass wir den Krieg verlieren", aber man habe sich nicht getraut, über Politik zu sprechen. "Du hattest auf dem Turm zu stehen und aufzupassen, dass nichts passiert."

"Aber was sollte ich denn dagegen machen?"

Dass was nicht passiert? Wem nichts passiert? Wann er zum ersten Mal im KZ Tote gesehen habe, fragt die Richterin. "Kann ich nicht sagen. Ich muss auf dem Turm gestanden haben." Habe ihm vorher niemand gesagt, was in diesen Lagern geschieht? "Nein", sagt Bruno D. Dann sagt er: "Man hat Munkeln gehört." Was denn gemunkelt worden sei? Dass neben Strafgefangenen auch politische Gefangene in dem Lager gewesen seien. "Und auch Juden."

Behutsam bohrt die Richterin weiter. "Das würde mich interessieren: Wann haben Sie das erste Mal gehört, da gibt es Gaskammern?" Er habe erst angenommen, es gehe um "Desinfizierung", sagt er. Dann wiederholt er, was er bereits in einer Vernehmung 1982 erzählte hatte: "Dass da Leute reingeführt wurden in die Gaskammer. Und dass die Tür verschlossen wurde." Dass er "Schreie und Poltern" gehört habe. "Ich wusste nicht warum", sagt er. Was er sich denn gedacht habe? Er habe "keine Vorstellung gehabt", antwortet Bruno D. "Aber Herr D.", sagt die Richterin. Sie stellt Fragen wie "Aber sie haben es doch gehört?" Bruno D. fragt zurück: "Hört man Gas strömen?" Die Richterin: "Sie hören Leute reingehen und hören Schreie und Poltern."

Die Richterin weiß, wie schmerzhaft es ist, über Details zu sprechen - vor allem für anwesende Angehörige der Opfer. Doch sie muss fragen, und Bruno D. soll antworten. Das ist der Sinn dieses Verfahrens, einem der sicher allerletzten NS-Prozesse überhaupt. "Ich habe nichts gemacht, ich war nicht mit dem Töten dort einverstanden", sagt Bruno D. "Aber was sollte ich denn dagegen machen?" Er gibt den jungen Befehlsempfänger, der vieles nicht mehr weiß oder nie wissen wollte. Er habe "alles in mich reingefressen. Das hat mich danach sehr belastet. Es belastet mich bis heute." Aber er spricht kaum von den Opfern, von denen er hauptsächlich zu wissen vorgibt, dass sie gestreifte Kittel und Anzüge trugen und kahl geschoren waren.

Er berichtet auch, wie Menschen einzeln ins Krematorium geführt worden seien, und er nicht gesehen habe, dass sie wieder hinauskamen. "Vielleicht deshalb, weil sie drinnen erschossen wurden", sagt die Richterin. "Weiß ich nicht", erwidert Bruno D.. Später sagt er, ihm sei "jetzt in Erinnerung gekommen, dass da Waggons abgedichtet wurden", auch Eisenbahnwaggons wurden als Gaskammern benützt, aber so genau wisse er es nicht. Und er erinnert sich auch, "dass nachher so wahnsinnig viele Leute im Lager gestorben sind", sagt er. Die Richterin: "Sie wollten sagen, sie könnten auch umgebracht worden sein." Bruno D.: "Ich will gar nichts mehr sagen." Jedenfalls nicht mehr an diesem Freitag. Nach zwei Stunden ist wie vereinbart Schluss, Fortsetzung am Montag, Saal 300.

© SZ vom 26.10.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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