Süddeutsche Zeitung

Gerhard Schröder wird 70:Rabauke mit Machtwillen

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Gerhard Schröder gilt heute vielen vor allem als oberster Lobbyist Russlands. Dabei ist der Altkanzler so viel mehr: Er hat Deutschland aus der Starre geholt und viel riskiert für seine Agendapolitik. Und er ist weit davon entfernt, ein "Elder Statesman" zu werden.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Ein Empfang, dann Essen im Restaurant Sarah Wiener im Hamburger Bahnhof, einem Museum für zeitgenössische Kunst. Die Presse musste draußen bleiben, als es Sonntagabend zu Tisch ging. Alles in allem ein eher bescheidenes Geburtstagsfest zu Ehren eines Mannes, der immerhin Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war. Gerhard Schröder wird an diesem Montag 70 Jahre alt. Die Haare sind immer noch nicht grau. Er hat gerichtlich verbieten lassen, zu behaupten, sie seien gefärbt. Der Mann ist eben ein biologisches Wunder.

Schröder ist heute so umstritten wie er umjubelt war, als er 1998 das Land aus der Starre der 16-jährigen Kanzlerschaft von Helmut Kohl erlöste. Kandidaten um Kandidaten hat die SPD verschlissen bis endlich der machthungrige Schröder das Kanzleramt eroberte. Wer damals in Bonn auf dem Platz zwischen Kunstmuseum und Kunsthalle die Siegesfeuer der Sozialdemokraten miterlebte, der bekam zu Herbstbeginn Frühlingsgefühle.

Schröder hat seinen Wählern die Euphorie schnell wieder ausgetrieben. Der "Brioni-Kanzler" ließ sich in teurem Zwirn und mit Zigarre ablichten. Das Bild hing ihm lange nach. Regieren macht Spaß war seine Botschaft. Darüber vergaß er das Regieren.

Aber: Er hat es geschafft. Nicht die SPD. Er. Und seine "neue Mitte". So sah er es. Die Wahrheit ist wohl etwas weniger spektakulär: Die Deutschen haben Kohl abgewählt. Schröder war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Er wollte ins Kanzleramt. Unbedingt. Hat als Juso nach einer Sauftour an den Gitterstäben des Bonner Kanzleramtes gerüttelt. "Ich will da rein!". Für Machtwillen gibt es keine Promillegrenze.

Trotz seiner anfänglichen Politik der "ruhigen Hand", die nur mühsam die zeitweilige Konzeptionslosigkeit der rot-grünen Anfangszeit überdeckte, hat Schröder dem Land neuen Auftrieb gegeben. Er war beliebt im Volk. "Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier", solche Sätze wurden Kulturgut.

Schröder war als Kanzler und vorher schon als Ministerpräsident von Niederachsen nah dran an den Menschen. Ein Bauchpolitiker. "Acker", nannten sie ihren Stürmer Schröder in seinem Fußballverein TuS Talle. Flasche Bier, Fußball und 'ne Currywurst - Schröder ist leicht glücklich zu machen. Er verband Weltläufigkeit und politischen Instinkt mit den Wohlfühlinseln deutscher Schrebergarten-Gemütlichkeit. Mit Schröder auf ein Bier, das hätten viele gerne mal gemacht.

Er kam von ganz unten, geboren in bittere Armut am 7. April 1944. Schröder war gerade ein Jahr alt, als der Krieg zu Ende war. Sein Vater Fritz kehrte nicht zurück. Erst mit über 60 machte Schröder sich auf die Suche nach dessen Spuren und fand das Grab im rumänischen Ceanu Mare. Seitdem stand ein Bild von Fritz mit Wehrmachtshelm auf seinem Kanzlerschreibtisch. Mutter Erika hat ihren Gerhard allein aufgezogen. Er soll vor Hunger den Kitt aus den Fenstern gegessen haben. "Wir waren die Asozialen", hat Schröder einmal über seine Kindheit gesagt.

Der Aufstieg zum Kanzler war alles andere als vorgezeichnet. Schröder wurde Anwalt, trat den Jusos bei. Soziale Gerechtigkeit war ihm damals noch ein wichtiges Thema. "Als Juso habe ich die Revolution geplant, die ich dann als Bundeskanzler verhindert habe", so sieht er das heute.

Seine Genossen haben ihn nie geliebt. Die SPD hat manchmal mehr Herz als Verstand. Wahlen gewinnen reicht in dieser Partei nicht, um sich unangreifbar zu machen. Das unterscheidet sie von CDU und CSU. Spätestens mit der Agenda 2010 war das Verhältnis gebrochen. Im Mai 2005 verlor die SPD Nordrhein-Westfalen, das Herzkammerland der Sozialdemokratie. Schröder rief am gleichen Abend Neuwahlen aus. Ein Fehler? Mag sein. Aber Schröder wollte etwas beweisen: Dass er nicht kuscht vor den Genossen, die die knappe rot-grüne Mehrheit im Bundestag nutzen wollten, um Schröder das Leben schwerzumachen.

Die Agenda-Politik wird heute gelobt. Experten halten sie für eine der wesentlichen Gründe, dass Deutschland trotz der Wirtschafts- und Finanzkrisen der vergangenen Jahre weit besser dasteht als viele andere Länder. Er ist nach seiner Wahlniederlage 2005 besser mit der Agenda umgegangen als seine Partei, die zum Teil bis heute darüber streitet, wie sie mit Schröders Erbe verfahren soll. "Die Agenda sind nicht die Zehn Gebote" hat er schon 2007 gesagt. Und keiner solle sich als Moses begreifen, der daran mitgearbeitet habe. Ein wenig mehr von diesem Pragmatismus hätte der SPD ganz gut getan.

Schröder hätte sich entspannt zurücklehnen und die Wirkungen seiner Reformen beobachten können. Er war gerade 61, als er aus dem Amt schied. Aus seiner Sicht mitten im Leben. Er ließ sich von der staatlichen russischen Gasgesellschaft Gazprom anheuern, die für ihre Pipeline-Firma Nord Stream einen Chef für ihren Aktionärsausschuss suchte. Staatspräsident Wladimir Putin vermittelte, Schröder schlug zu. Kaum einen Monat nach Unterzeichnung des Koalitionsvertrages zwischen Union und SPD wurde der Deal im Dezember 2005 öffentlich. Schröder hat das Pipeline-Projekt als Kanzler immer unterstützt.

Seitdem gilt er als oberster Lobbyist Russlands und insbesondere seines Freundes Putin. Der sei ein "lupenreiner Demokrat", hat der Fernsehmoderator Reinhold Beckmann einst Schröder erfolgreich in den Mund geschoben. Auch diesen Satz wird er nicht mehr los.

Dem Volk aufs Maul zu schauen

Die Kritik an seinem Verständnis für Russland und Putin im Besonderen hält er für kleinlich. Aber der abrupte Wechsel zu Nord Stream dürfte einer der Gründe sein, warum die Deutschen heute selbst Angela Merkel für bedeutender halten als Schröder.

In Schröders Amtszeit fallen der Atomausstieg, die Homo-Ehe, die Förderung erneuerbarer Energien, ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, die Agenda-Reformen, eine komplette außenpolitische Neuorientierung mit der Beteiligung Deutschlands an den Kriegen im Kosovo und in Afghanistan. Zugleich aber auch das entschiedene Nein zum Irakkrieg, mit der Schröder Deutschland gegenüber dem transatlantischen Partner USA neu positionierte.

Der Kanzler wusste dem Volk aufs Maul zu schauen. Aber er plapperte nicht einfach nach, was er da hörte. Speziell mit der Agenda-Politik riskierte er seine eigene Abwahl. Auf so eine Idee würde Angela Merkel nicht kommen.

Weit entfernt vom "Elder Statesman"

Die Pipeline ist inzwischen gebaut. Schröder widmet sich mehr seiner Familie, schmiert Pausenbrote für seine Kinder oder jettet um die Welt, um gegen Geld seine Agenda-Politik zu erklären. Er führt ein Leben als wohlhabender Mann. Seine Frau Doris Schröder-Köpf macht Karriere in der Landespolitik von Niedersachsen. Hin und wieder mischt er sich noch ein in die Politik. Wenn er etwa die Rentenpläne der großen Koalition als "absolut falsch" bezeichnet. Das wird zwar gehört, aber nicht sonderlich ernst genommen.

Schröder ist eben noch weit davon entfernt, ein "Elder Statesman" zu werden, wie es Helmut Schmidt ist. Kohl hat das auch nicht geschafft. Die CDU-Spendenaffäre, seine Selbstgefälligkeit und die privaten Turbulenzen im Hause Kohl verhinderten das. Schröder hat aber noch die Chance dazu. Er ist erst 70. Als er seine Mutter beerdigte, war diese gerade 99 Jahre alt geworden. Wenn er ihre Gene geerbt hat, bleiben ihm noch zwei bis drei Jahrzehnte. Genug Zeit, um aus einem Rabauken noch einen weisen Mann werden zu lassen.

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