Süddeutsche Zeitung

Völkermord an den Armeniern:Opfer kaiserlicher Interessen

Der Volksmord an den Armeniern wurde vom Deutschen Reich billigend in Kauf genommen: über das totgeschwiegene Menschheitsverbrechen.

Nach einigem Hin und Her war es dem Deutschen Reich 1914 gelungen, das zögerliche Osmanische Reich in ein Militärbündnis zu bringen. Als sich der Angriff auf die russischen Truppen an der türkischen Ostfront zu einem militärischen Debakel auswuchs, wurden die Armenier, die man der Kollaboration mit den Russen zieh, von den deutschen Militärs in Übereinstimmung mit den Jungtürken als Risikofaktor definiert. Die Deutschen dachten an eine Deportation der Armenier. Die Türken machten daraus ein Vernichtungsprogramm.

Im späten Frühjahr 1915 begann die Deportation der armenischen Bevölkerung aus dem Osten Anatoliens. Ganze Ortschaften und Städte wurden zwangsweise geräumt und die Armenier auf langen Todesmärschen in den Süden Richtung syrische Wüste geschickt, eine ethnische Säuberung. Das Deutsche Reich ließ dies nicht nur geschehen, sondern die deutschen Verantwortlichen deckten es, nahmen die Mörder in Schutz und machten durch die Unterstützung ihrer türkischen Verbündeten den Volksmord letztlich erst möglich. Das imperiale Ziel der Deutschen war - Jürgen Gottschlich zufolge - wichtiger als das Sterben der Armenier.

Das Osmanische Reich wollte mit den Christen in seinem Land "gründlich" aufräumen

Die Türken ängstigten sich vor einer scheinbar bevorzugten Stellung der Armenier auf Kosten der Muslime, die in eine Paranoia zur Rettung des Reichs, in "Phantasien einer letzten Möglichkeit präventiver Notwehr" (Hosfeld) mündete. Innenminister Mehmet Talât machte gar kein Hehl aus den Vorgängen: Es sei die Absicht seiner Regierung, den Weltkrieg zu benutzen, "um mit ihren inneren Feinden - den einheimischen Christen aller Konfessionen - gründlich aufzuräumen, ohne durch diplomatische Interventionen des Auslands gestört zu werden". Das war eine innenpolitische Radikalmaßnahme mit ausgesprochen apokalyptischer Komponente. Die Armenier wurden in eine Region vertrieben, die nicht mehr zum "türkischen" Kernland gehörte, und so, schreibt Rolf Hosfeld, wurden sie "territorial" aussortiert.

1916 intervenierte der deutsche Botschafter in Istanbul, Paul Wolff-Metternich zur Gracht, und forderte den Reichskanzler auf, der türkischen Regierung wegen der Armenienfrage zu drohen. Doch der Reichskanzler Bethmann Hollweg war nicht geneigt, seinem osmanischen Verbündeten in den Arm zu fallen. Er reagierte verärgert und notierte an den Rand des Dokuments: "Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht." Bethmann Hollweg berief den Botschafter kurz darauf von seinem Posten ab.

Gesinnungsethisch motivierte Appelle deutscher Konsuln beeindruckten die Regierung in Berlin wenig. Im Gegenteil. Publizisten wurden von der kaiserlichen Pressezensur angehalten, die freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei nicht zu gefährden, sondern deren "Verwaltungsangelegenheiten" nicht einmal zu prüfen. Deshalb sei es einstweilen "Pflicht" zu schweigen. Und weiter: "Später, wenn direkte Angriffe wegen deutscher Mitschuld erfolgen sollten, muss man vorgeben, dass die Türken schwer von den Armeniern gereizt wurden."

Noch ein weiterer in der Historiografie kaum beachteter Aspekt sollte nicht unerwähnt bleiben: die Politik der Zwangsislamisierung der armenischen Christen. Der Übertritt selbst war minutiös geregelt: Der Eingabe folgte die Genehmigung, dann die Namensänderung und schließlich die Beschneidung. Etwa 150 000 Armenier ließen sich zum Islam "bekehren", um dem Tod oder der Deportation zu entgehen.

Mag sein, dass, wie Rolf Hosfeld konstatiert, unter den meisten deutschen Intellektuellen ein "dröhnendes Schweigen" herrschte, für einige Parlamentarier gilt das jedoch nicht. Und es war weit mehr als ein "dem Geist eines marxistischen Historismus entsprungener Werterelativismus", was Karl Liebknecht, Oskar Cohn oder Eduard Bernstein veranlasste, ihre Stimmen gegen die Türken und für die Armenier zu erheben, auch wenn ihr Appell letztendlich erfolglos blieb.

Friedrich Bronsart von Schellendorf, der als Generalstabschef das osmanische Feldheer führte, war wohl der unerbittlichste Feind der Armenier. Er ließ alle rassistischen Hemmungen fallen, als er ausführte: "Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit eines anderen Landes, in dem er sich aufhält, aufsaugt." Diesen Mann finden wir 1924 im faschistischen "Frontbann" und 1925 als Führer des deutsch-völkischen "Tannenberg Bundes" an der Seite Erich Ludendorffs wieder.

Indes musste man kein Uniformträger sein, um die Armenier den kaiserlichen Interessen zu opfern. Karl May schrieb in einer seiner Erzählungen: "Wo irgendeine Heimtücke, eine Verräterei geplant wird, da ist sicher die Habichtnase eines Armeniers im Spiel!" An anderer Stelle unterstützte er indirekt die Massaker: "Der Türke handelt in Notwehr!"

"Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?", fragte Adolf Hitler 1939

Der Mord an den Armeniern im Jahr 1915 hat auch Adolf Hitler in seinen Mordfantasien angeregt: "So habe ich (. . . ) meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidslos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken." Wie Talât setzte Hitler auf das Vergessen: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Das sagte der Reichskanzler 1939, kurz bevor er den Befehl zum Überfall auf Polen gab.

Die Türkei drängt die Opfer bis in die Gegenwart in die Ecke und hält ihren Leugnungsdiskurs aufrecht: Die Nachfahren der Überlebenden müssen nicht nur die Last der Leidensgeschichte, sondern auch die Last der Leugnungen tragen.

Was Deutschlands Mitverantwortung am Armeniermord betrifft, ist allenfalls von einer "unrühmlichen Rolle des deutschen Kaiserreichs" die Rede gewesen, wie es in einem Resolutionsentwurf des Deutschen Bundestages aus dem Jahre 2005 euphemistisch heißt.

Wer die Türkei des Volksmords an den Armeniern bezichtigt, sollte nicht vergessen, dass auch Deutschland noch Nachholbedarf bei der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels hat. Wer im Detail mehr darüber erfahren möchte, der sollte die historische Reportage von Jürgen Gottschlich mit dem programmatischen Titel "Beihilfe zum Völkermord" zur Hand nehmen.

Der Autor ist Historiker und lebt in Duisburg.

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SZ vom 28.04.2015/flogo
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