Genmanipulationen Rote Linie

Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zum Thema "Eingriffe in die menschliche Keimbahn".

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Der Deutsche Ethikrat fordert die Bundesregierung auf, sich für einen internationalen Stopp von Eingriffen in das menschliche Erbgut einzusetzen. Kategorisch und für alle Zeiten gilt diese Ablehnung aber nicht.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Manche Tage bleiben für immer im kollektiven Gedächtnis, sagt der Vorsitzende des deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Der 11. September 2001 zum Beispiel sei so ein Tag, oder der 9. November. In Zukunft könne zu diesen unvergesslichen Daten auch der 26. November 2018 gehören: Jener Tag, an dem der chinesische Forscher He Jiankui auf Youtube verkündete, er habe neugeborene Zwillinge genetisch so verändert, dass sie nun lebenslang vor einer Ansteckung mit HIV geschützt seien. Eine Nachricht, die weltweit für Empörung sorgte.

Der Deutsche Ethikrat hat nun mit einem mehr als 200 Seiten starken Papier Stellung dazu genommen, wie Politik, Wissenschaft und Gesellschaft künftig mit den neuen Möglichkeiten der Genmanipulation am Menschen umgehen sollten. "Aus der ethischen Analyse", heißt es darin, "ergibt sich keine kategorische Unantastbarkeit der menschlichen Keimbahn". Grundsätzlich sei der Eingriff des Menschen in die eigenen Gene also erlaubt. Doch zum aktuellen Zeitpunkt seien Experimente am Erbgut eines Menschen noch absolut unzulässig. Der heutige Stand der Technik sei unausgereift und biete nicht genügend Sicherheit für die Betroffenen. Die Risiken seien nicht abzuschätzen.

Der Ethikrat fordert deshalb die Bundesregierung und den Bundestag auf, sich für einen verbindlichen internationalen Stopp von genetischen Eingriffen beim Menschen einzusetzen, möglichst unter dem Dach der Vereinten Nationen. Bevor Wissenschaftler Veränderungen an Menschen vornehmen dürften, die tatsächlich geboren werden, sei eine "sorgfältige Grundlagenforschung" nötig und eine ausgiebige gesellschaftliche Debatte. Wenn ein Forscher trotzdem in das Erbgut von Menschen eingreife, müsse dies als "gravierenden Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis sowie gegen allgemeine Regeln des guten menschlichen Zusammenlebens" gelten, heißt es in der Stellungnahme. Dies sei "eine rote Linie", sagte Ethikratsmitglied Alena Buyx bei der Vorstellung in Berlin.

Das Risiko der Gentechnik soll nur in Kauf nehmen dürfen, wer damit schwere Krankheiten verhindert

Allerdings sei die medizinische Entwicklung rasant. Auch deshalb wollte der Ethikrat schon jetzt Orientierung für mögliche Szenarien der Zukunft geben. Seine 26 Mitglieder seien dabei jedoch in vielen Punkten uneinig gewesen, weshalb die Wissenschaftler und Theologen in ihrer Stellungnahme die Standpunkte von Mehrheiten und Minderheiten in ihrer Runde dokumentierten. Zum Beispiel stritten sie über ihre Haltung zur verbrauchenden Embryonenforschung. Eine Mehrheit sprach sich demnach für Experimente an Embryonen im Reagenzglas aus, die meisten wollten aber nur Forschung an überzähligen Embryonen zulassen, die bei der künstlichen Befruchtung übrig blieben. Wenn solche Tests eines Tages die Gesundheitsrisiken für geborene Menschen deutlich reduzierten, hielt eine Gruppe der Ratsmitglieder die Embryonenforschung sogar für geboten, heißt es.

Doch so groß die Chancen auch sein mögen, durch den Eingriff in das menschliche Erbgut schwere Krankheiten zu verhindern - so schwierig ist für viele Ratsmitglieder eine andere Vorstellung. Nämlich, dass solche Methoden irgendwann auch genutzt werden könnten, um ein Kind nach bestimmten Maßstäben zu entwerfen und seine Eigenschaften und Fähigkeiten gezielt zu verbessern. Schließlich bedeutet eine Veränderung des Erbguts auch einen Eingriff in die kommenden Generationen der Menschheit. Grundsätzlich hält der Rat deshalb fest, dass die Anforderungen an die Wissenschaft in Sachen Sicherheit und Wirksamkeit umso strenger sein müssen, "je weniger ein offenkundig medizinischer Bedarf besteht". Für die allerersten Versuche am Menschen dürften die Risiken der Gentechnik jedenfalls nur dann in Kauf genommen werden, wenn sie der Prävention von schweren Krankheiten dienen.