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Genderdebatte in der Piratenpartei:Piraten hadern mit Geschlechterdebatte

Doch der Widerspruch fällt für die ansonsten äußerst feminismuskritische Piratenpartei fast schon zahm aus. Der Grund: Immer mehr Piraten bedauern inzwischen offen, dass ihnen die Frauen in der vordersten Reihen fehlen. So zum Beispiel Bruno Kramm, der die bayerischen Piraten in den Bundestagswahlkampf führt. "Ich bin persönlich sehr betrübt, dass eine so großartige kompetente Frau wie Anke Domscheit-Berg nicht auf Platz eins kommt, auch wenn ich natürlich die Wahl der Brandenburger respektiere und den Spitzenkandidat mag", sagt er.

Von einer Quote hält er trotzdem nichts. Jedenfalls, was seine eigene Partei angeht. Sie sei aufgrund des geringen Frauenanteils an der Basis nicht möglich. In der Tat engagieren sich wesentlich weniger Frauen als Männer in der Partei. Die Piraten müssten deswegen erst einmal versuchen, für Frauen grundsätzlich attraktiver zu werden. "Wir dürfen uns nicht vor der offenen Geschlechterfrage verstecken, indem wir Geschlecht als unrelevantes Rollenmerkmal abtun und uns damit aus der wichtigen Diskussion verabschieden."

Das denkt auch Sebastian Nerz, Spitzenkandidat in Baden-Württemberg. "Wir haben in Tübingen zum Beispiel festgestellt, dass Stammtische unter der Woche um 20 Uhr Mütter und Väter abschrecken", sagt Nerz. Und da Frauen nach wie vor häufiger für die Kinderbetreuung zuständig seien als Männer, wirke sich das negativ auf den Frauenanteil aus. "Jetzt machen wir öfter Veranstaltungen am Sonntag, zum Beispiel Grillen mit Kinderbetreuung."

Für einige Piratinnen fängt die Benachteiligung allerdings schon früher an: In der Satzung der Partei ist durchgängig nur von "Piraten" die Rede - mit dem Hinweis, dies sei geschlechtsneutral zu verstehen. "Generisches Maskulinum" heißt das in der Sprachwissenschaft. Immer wieder, so schreibt etwa der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch in seinem Blog, würden Frauen, die sich selbst als "Piratinnen" bezeichneten, auf die Satzung hingewiesen, wonach sie auch schlicht "Piraten" seien.

Doch vielen reicht es nicht mehr aus, einfach nur "mitgemeint" zu sein. Sie drehen den Spieß deswegen jetzt um und planen eine "Woche des generischen Femininums", die auf Twitter unter dem Hashtag #InWoche läuft. Will heißen: Anstelle von "Bürgern" spricht man von "Bürgerinnen", anstelle von "Mitarbeitern" von "Mitarbeiterinnen". Und eben anstelle von "Piraten" von "Piratinnen".

Und dann gibt es auch noch eine dritte Gruppe, die die Abwesenheit von Frauen zwar schade findet, aber eine Konzentration auf die Frage "Wie kriegen wir mehr Frauen auf die vorderen Listenplätze?" trotzdem ablehnt. Damit zwinge man Menschen ein "binäres Geschlechterbild" auf. Sie müssten sich in eine der beiden Kategorien einordnen, wodurch zum Beispiel Queer-Menschen benachteiligt würden.

Im Grundsatzprogramm der Piraten steht in der Tat, dass die Partei eine von außen verordnete Zuschreibung von Geschlechtern ablehnt. Selbst ihre Toiletten beschildert die Partei mancherorts nicht mit "Damen" und "Herren" sondern mit "Ohne Pissoir" und "mit Pissoir". Das klingt erst einmal tatsächlich fortschrittlicher als die ein wenig nach Siebziger Jahre müffelnde Quotendebatte.

Doch der Realität hält diese programmatisch festgezurrte Offenheit in Genderfragen nicht stand. Denn die Vertreter der Piraten sind, das zeigte sich bei den bisherigen Aufstellungsversammlungen überdeutlich, gar nicht so unähnlich zu den vielkritisierten deutschen Vorstandsetagen: weiß und männlich.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes, hieß es, lediglich vier Landeslisten seien schon komplett und ungefähr 15 der auf diesen Listen vertretenen Kandidaten könnten mit einem Sitz im Bundestag rechnen. Richtig ist aber, dass bereits sechs Landeslisten feststehen und sich ungefähr 17 Kandidaten Hoffnungen auf einen Sitz machen können, darunter zwei Frauen.

© Süddeutsche.de/segi/rus

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