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"Gelbwesten"-Bewegung in Frankreich:"Macron hat mich radikalisiert"

Die Zahlen der Teilnehmer an den Gelbwesten-Protesten gehen zurück. 125 000 Demonstranten zählte das Innenministerium am Samstag in ganz Frankreich, davon 10 000 in Paris. Zum Auftakt vor drei Wochen waren sie noch knapp 300 000 gewesen. Dennoch haben diese Proteste schon jetzt deutlich mehr bewirkt als die Rücknahme einer Steuer. Sie haben gezeigt, wie alleingelassen sich große Teile des Landes fühlen. Die meisten, die sich eine Warnweste überziehen, leben in den Vorstädten und im ländlichen Raum, sie gehören zur unteren Mittelschicht. Ihre Meinung zählt in Paris normalerweise nicht allzu viel. Nun ist es ihnen beinah einen ganz Monat lang gelungen, alle Debatten zu dominieren. Und zum ersten Mal wirkte es so, als könne Frankreichs ehemaliger Erfolgspräsident Emmanuel Macron scheitern.

"Macron hat mich radikalisiert", hat sich einer mit Edding auf den Westenrücken geschrieben. Es ist eine der harmloseren Macron-Beschimpfungen. Immer noch gibt über die Hälfte der Franzosen an, dass sie Sympathien für die Gelbwesten hat. Diese Sympathie hängt direkt mit der Antipathie gegen Macron zusammen. Er eint viele Franzosen auf die für ihn ungünstigste Art und Weise: Sie können gemeinsam auf ihn schimpfen.

Sylvia ist mit ihrem Mann aus Reims gekommen, um "für mehr Kaufkraft zu kämpfen", wie sie sagt. Es ist schwierig geworden auf den Demonstrationen der Gelbwesten, Menschen zu finden, die mit ihrem vollen Namen Interviews geben wollen. Viele hier vertrauen den Medien ebenso wenig wie ihrem Präsidenten Macron. "Wissen Sie, wieviel der für seinen Friseur ausgibt? Und für sein Schwimmbad? Und sein neues Porzellan? Das zahlen alles wir! Das ist doch nicht normal!" Sylvia hat 2017 Marine Le Pen gewählt, nicht Macron. Ob Le Pen die Bürger denn weniger kosten würde? "Immerhin ist sie nicht so arrogant", sagt Sylvia.

Profitiert die rechtsradikale Politikerin Le Pen von diesem Protest?

Die rechtsradikale Le Pen gilt seit Beginn der Bewegung als mögliche Profiteurin der gelben Wut. Deshalb beobachten viele Linke und Liberale die Gelbwesten mit Sorge, auch wenn sie vom Linken Jean-Luc Mélenchon unterstützt werden. Doch eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Elabe zeigt, dass der Kampf gegen Macron der politischen Opposition bislang kaum nützt - auch Le Pen nicht. 24 Prozent der Franzosen geben an, ein positives Bild von ihr zu haben, in den vergangenen vier Wochen hat sie nur einen Prozentpunkt zugelegt.

Der beliebteste Politiker? Der zurückgetretene Umweltminister Nicolas Hulot, 48 Prozent der Franzosen sehen ihn positiv. Und so überrascht es auch nicht, was in Paris an diesem Samstag die zahlenmäßig deutlich bedeutsamere Demo war: Der Marsch fürs Klima. 25 000 Personen gingen am Samstag allein in Paris für eine entschiedenere Umweltpolitik auf die Straße. Auf einem der vordersten Banner konnte man lesen: "Wandeln wir das System, nicht das Klima". Hinter dem Schriftzug standen Menschen in gelber Warnweste.

Anmerkung der Redaktion: Die Anzahl der Teilnehmer an den Demonstrationen in Frankreich wurde am Sonntagmorgen angepasst, nachdem das Innenministerium auf Twitter neue Zahlen veröffentlicht hat.

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