Geiselnahme von Beslan Menschenrechts-Gerichtshof verurteilt Russland wegen Versagens in Beslan

In der Schule in Beslan befindet sich heute eine Gedenkstätte.

(Foto: Yuri Kochetkov epa/dpa)

Bei der Erstürmung einer von Terroristen besetzten Schule im Jahr 2004 kamen 331 Menschen ums Leben. Das Urteil ist ein Sieg im Kampf um Aufklärung - aber Moskau will die Entscheidung anfechten.

Der 1. September 2004 soll eigentlich ein fröhlicher Tag werden in Beslan. In der Kleinstadt in der russischen Republik Nordossetien-Alanien feiern die Menschen die Einschulung der Erstklässler. Doch dann stürmen Terroristen die Schule Nummer eins. Sie nehmen hunderte Menschen als Geiseln: Eltern, Kinder, Großeltern.

Zwei Tage müssen sie in der Turnhalle ausharren, und dabei zusehen, wie die Täter Geiseln erschießen. Am 3. September kommt es zum Massaker: Eine von den Terroristen platzierte Bombe explodiert, die Turnhalle brennt. Russische Soldaten stürmen das Gelände und liefern sich eine Schießerei mit den Terroristen. 331 Menschen sterben, darunter 186 Kinder.

Bis heute ist unklar, was damals genau passierte. Die Akten sind verschlossen, dabei sind grundlegende Fragen noch unbeantwortet: Wer steckte hinter der Geiselnahme? Wer gab den ersten Schuss ab? Konnten einige Terroristen fliehen?

Daran kann auch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nichts ändern. Die Straßburger Richter verurteilten Russland dazu, 409 Opfern insgesamt knapp drei Millionen Euro Schmerzensgeld zu zahlen. In der Urteilsbegründung heißt es, Russland habe gegen Artikel 2 der Menschenrechtskonvention verstoßen, der Staaten dazu verpflichtet, Menschenleben zu schützen. Zwar habe Russland angesichts der unnachgiebigen Haltung der Geiselnehmer vor einer schwierigen Entscheidung gestanden. Die bei der Erstürmung der Schule angewandte Gewalt sei jedoch "unverhältnismäßig" gewesen. Bei der Vorbereitung und der Kontrolle des Einsatzes habe es zudem "schwere Versäumnisse" gegeben. Russland kann gegen das Urteil binnen drei Monaten Rechtsmittel einlegen.

Überlebende kämpfen seit Jahren für Aufklärung

Die Entscheidung des Gerichts ist dennoch ein Erfolg. Denn seit Jahren kämpfen Überlebende und Angehörige der Opfer darum, dass ihre Rufe nach Aufklärung gehört werden. Einige haben sich in der Organisation "Beslans Simme" zusammengetan, versuchten mithilfe von Hungerstreiks und Protesten auf das Thema aufmerksam zu machen. Inzwischen richtet sich der Zorn gegen den Kreml: Während der Gedenkveranstaltung im vergangenen September wurden mehrere Frauen festgenommen. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Putin - der Henker von Beslan".

Die Anhänger von "Beslans Stimme" sehen die Verantwortung direkt beim russischen Präsidenten. Aus ihrer Sicht habe er den Schießbefehl gegeben. "Putin behauptet, die ukrainische Regierung würde ihr eigenes Volk angreifen. Aber unsere Regierung hat dasselbe gemacht und Kinder getötet", zitiert die Moscow Times Swetlana Mariejewa. Ihre 13-jährige Tochter starb in Folge der Geiselnahme in ihren Armen. Aslambek Aslachanow gibt der russischen Regierung eine Teilschuld. Er sollte damals im Herbst 2004 mit den Terroristen verhandeln. Doch als er in Beslan eintraf, war das Unglück schon geschehen. Die Erstürmung des Gebäudes bezeichnet er in einem Interview als "inkompetent ausgeführt".

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Russland will das Urteil des Gerichtshofs anfechten. Mehrere Schlussfolgerungen des Gerichts seien haltlos und die Argumente wenig überzeugend, teilte das Justizministerium in Moskau mit.