Die Affäre um den vor einem Jahr aus Berlin entführten vietnamesischen Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh hat in der Slowakei eine politische Kontroverse ausgelöst. Präsident Andrej Kiska kritisierte am Dienstag die eigenen Behörden: Es sei ihre "Pflicht, jeden Verdacht gründlich zu untersuchen, anstatt sich darauf auszureden, dass die deutsche Polizei für die Ermittlungen zuständig sei". Der Slowakei drohe "internationale Schande", warnte das parteilose Staatsoberhaupt. Die zwei größten Oppositionsparteien forderten eine Sondersitzung des Parlaments. Am Abend reagierte das slowakische Innenministerium und bekräftigte seine schon seit Monaten bekannte Position: Es gebe keinerlei Informationen, dass der später in Vietnam verurteilte Geschäftsmann Trinh Xuan Thanh über die Slowakei entführt worden sein könnte, betonte ein Sprecher.
Die Bundesanwaltschaft und das Berliner Kammergericht stellen es so dar, dass der Mann mit einer slowakischen Regierungsmaschine von Bratislava zunächst nach Moskau gebracht worden sei. Das Gericht habe aber keine Erkenntnisse, dass die slowakische Seite eingeweiht war, hieß es im Urteil für einen Entführungshelfer. Vermutlich hätten die Vietnamesen ihre wahren Absichten verschleiert. Erst in der vergangenen Woche hatte das Gericht den 47 Jahre alten Helfer zu knapp vier Jahren Haft wegen Beihilfe zur Freiheitsberaubung und geheimdienstlichen Agententätigkeit verurteilt. Auch das Landeskriminalamt Berlin hegt in einem Sachstandsbericht vom Juni "nahezu keine Zweifel", dass der Vietnamese mit einem Regierungsflugzeug zurückgebracht wurde.
Das Opfer war einst Vorstandschef eines staatlichen Baukonzerns in Vietnam und hatte in Deutschland politisches Asyl beantragt, das er erst nach seiner Verschleppung bekam. Er und seine Freundin waren am 23. Juli 2017 mitten am Tag im Berliner Tiergarten in einen Transporter gezerrt, in die vietnamesische Botschaft und dann außer Landes gebracht worden. Laut Berliner Urteil war das eine rechtswidrige Operation des vietnamesischen Geheimdienstes, die Bundesanwaltschaft sprach von einem "staatlich organisierten Kidnapping". In Vietnam wurde Trinh Xuan Thanh wegen Korruption und Misswirtschaft in zwei Verfahren jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt. Die vietnamesische Seite soll ein Innenminister-Arbeitstreffen in Bratislava für den Rücktransport des Entführten genutzt haben. Dabei sei die slowakische Seite um ein Regierungsflugzeug für die vermeintliche vietnamesische Delegation nach Moskau gebeten worden, so die Bundesanwaltschaft. Nach Moskau seien zwölf Personen geflogen, darunter das Entführungsopfer. Am 3. August 2017 wurde Trinh Xuan Thanh im vietnamesischen Staatsfernsehen als freiwilliger Rückkehrer vorgestellt. Seine Anwältin hatte gesagt, der Berliner Prozess habe die "vietnamesische Lüge" enttarnt, dass sich ihr Mandant freiwillig gestellt habe. Aus der vietnamesischen Botschaft in Berlin sei er vermutlich mit einem Botschaftsfahrzeug nach Bratislava gefahren worden, hieß es. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass das am 25. Juli 2017 geschah.
