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Gegen Stuttgart 21 und Atomkraft:Unverdrossene Demonstranten

Ein neues Zittern in der Republik: Tausende demonstrieren gegen Suttgart 21 oder Atomkraft. Bei Wahlen werden sie die bestrafen, von denen sie sich nicht ernst genommen fühlen - Pragmatiker wie Merkel, gestrige Prinzipienreiter wie Westerwelle.

In Redaktionsstuben und auf Talkshow-Sesseln nehmen die Zeitgeist-Seismographen ein neues Zittern in der Republik wahr. Das Volk wende sich, so heißt es, wieder einmal gegen das Etablierte in der Politik.

Im ordentlichen Stuttgart gibt es Dauerdemonstrationen gegen einen Bahnhof, in Berlin zieht man wie vor dreißig Jahren gegen die Atomkraft zu Felde. In beiden Fällen sind es nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern Menschen jeden Alters und fast jeder politischen Überzeugung.

Nun sind Großdemonstrationen seit den Zeiten der selig entschlafenen Friedensbewegung nichts Besonderes mehr. Sie sind einerseits politisch bedeutende Manifestationen. Wer als Kanzlerin oder Parteichef nicht ernst nimmt, dass Zehntausende gegen längere AKW-Laufzeiten demonstrieren, der wird nicht mehr lange das bleiben, was er (oder sie) ist.

Für jeden Demonstranten auf der Straße gibt es zehn oder zwanzig, die zu Hause bleiben, aber derselben Meinung sind. Die Mehrheit der Deutschen möchte sich allmählich aus der Atomkraft verabschieden und nicht von einer ziemlich miserabel regierenden Koalition Verlängerungen aufgebrummt bekommen.

Andererseits sind Demonstrationen heute weniger verbissen als früher. Es riecht nach Public Viewing und Straßenkarneval. In einem bestimmten Milieu muss man sich eher dafür rechtfertigen, wenn man nicht zur Demo geht. Diese Leute sind nicht politikverdrossen.

Sie engagieren sich, und sei es nur einen Samstag lang. Sie werden in Wahlen jene bestrafen, von denen sie glauben, dass sie das neue politische Gefühl nicht ernst nehmen - also die distanzierten Pragmatiker wie Merkel und die gestrigen Prinzipienreiter wie Westerwelle.