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Globalgeschichte der Geflüchteten:Entwurzelt, nicht willkommen

Deutsche Flüchtlinge an der Ostfront, 1944/45

Deutsche Flüchtlinge an der Ostfront 1944/45

(Foto: SZ Photo)

Umsiedlung und ethnische Säuberung, Zwangsdeportation und Gewaltmigration: Der Historiker Andreas Kossert hat eine ausgezeichnete Erzählung über Flucht und Vertreibung geschrieben.

Rezension von Cord Aschenbrenner

Zum Flüchtling kann jeder werden. Immer schon mussten Menschen ihr Haus, ihre Heimat, ihr ganzes bisheriges Leben "fluchtartig" (ein Adjektiv, nach dem man in anderen Sprachen vergebens sucht) verlassen. Ein "Kernthema der Menschheit" nennt der Historiker Andreas Kossert, Verfasser einer viel gerühmten Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 ("Kalte Heimat") das Sujet seines neuen Buches.

Der Begriff "Flucht" wurde im Deutschen lange Zeit nur im strafrechtlichen und im militärischen Fall verwendet: Verbrecher und geschlagene Soldaten traten gelegentlich die Flucht an. Erst spät, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, erlangte das Wort die heutige Bedeutung: das rasche Verlassen eines Ortes, um Gewalt und Lebensgefahr zu entgehen. Auch das Wort "Flüchtling" - den manche heute grammatisch und semantisch eigenwillig zum Geflüchteten machen - setzte sich erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im heutigen Sinne durch, als überall in Europa Millionen fast über Nacht heimat- und staatenlos Gewordener fliehen mussten oder vertrieben wurden.

Vertreibung, Umsiedlung, ethnische Säuberung, Zwangsdeportation, Gewaltmigration - Kossert zählt die gängigen Begriffe auf, die aus der Perspektive der Opfer entstanden oder von den Tätern geprägt sind und immer eines be- oder umschreiben sollen: dass Menschen gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen, weil sie anderen politisch, ethnisch oder religiös im Wege sind. Enthemmte Brutalität, gewaltsamer Tod und großes Leid gehen oft einher mit dem erzwungenen Auszug aus der nicht selten generationenlang von einer Familie bewohnten Umgebung. Zurück bleiben die Gräber der Vorfahren und manchmal die Alten.

Andreas Kossert konzentriert sich bei seiner großen, glänzend geschriebenen Erzählung von Flucht und Vertreibung - ein Begriffspaar, das hierzulande lange Zeit untrennbar mit den "Vertriebenen" aus dem Osten des ehemaligen Deutschen Reiches verbunden war - auf Europa und den Nahen Osten. Den Untertitel "Eine Menschheitsgeschichte" trägt das Buch dennoch zu Recht. Flucht ist eine historische Konstante, die fast nirgends unbekannt ist und deren Charakteristika durch die Jahrtausende und über die Kontinente allenfalls in Nuancen voneinander abweichen.

Schon die biblische Überlieferung berichtet von Flucht und Heimatlosigkeit. Das babylonische Exil des jüdischen Volkes nach der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. ist bis heute sprichwörtlich, genau wie der mythische Exodus, also der Auszug der Israeliten aus Ägypten. Die Erinnerung an die Geburt Jesu umfasst auch die Flucht des Neugeborenen mit seinen Eltern vor König Herodes nach Ägypten. Kossert betont, welch bedeutende Rolle im christlich geprägten Kulturkreis die Erzählung von Flucht und Exil seit zwei Jahrtausenden spielt.

Auch Bibelkenntnis schützt nicht alle

Allerdings, das wird eindrucksvoll deutlich, haben weder die bis vor wenigen Jahrzehnten weit verbreitete Kenntnis biblischer Geschichten und Gebote (etwa "Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland"; 5. Mose 10) noch etwa eine eigene Fluchtbiografie die Menschen derart verlässlich gegen Hartherzigkeit imprägniert, dass sie andere Menschen, die ihre Heimat unter Zwang verlassen mussten, immer mit Großmut und Verständnis empfangen hätten.

Im Gegenteil, Kossert schreibt, dass Flüchtlinge allein durch ihre Existenz als Bedrohung gelten, weil sie bei vielen unterschwellig oder offen die Angst auslösen, ein ähnliches Schicksal könne auch ihnen drohen. Dabei verkörperten sie eher "die Defensive schlechthin".

Er verweist auf das Schicksal der nachgerade verhassten deutschen Vertriebenen nach 1945, auf die nach den Versailler Verträgen im Zuge "ethnischer Entflechtung" aus der Türkei vertriebenen Millionen Griechen, die in Griechenland beschimpft und geschmäht wurden. Genau wie heutige Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea, die in den Staaten Europas überwiegend so wenig willkommen sind wie in den USA oder in Australien.

Andreas Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte. Siedler-Verlag, München 2020. 431 Seiten, 25 Euro. E-Book: 22,99 Euro.

Ein zeitloses Schicksal, betont Kossert. "Es gab zu viele Flüchtlinge ... Das schreckte die Nächstenliebe ab. Diese jammervolle Menge hatte nichts Menschliches mehr; sie ähnelte einer fliehenden Herde", wie die Schriftstellerin Irène Némirovsky in ihrem Roman "Suite française" schrieb, der im Sommer 1940 in Frankreich spielt.

Die Entscheidung Kosserts, auch belletristische und lyrische Texte heranzuziehen, mag für einen Historiker ungewöhnlich sein, klug ist sie aber. An Autoren wie Bertolt Brecht, Gustaw Herling, Zbigniew Herbert, Yaşar Kemal, Judith Kerr, Herta Müller, Amos Oz, Isaac B. Singer, Franz Werfel oder Stefan Zweig zeigt er, welch große Rolle Flucht und Heimatlosigkeit in der Weltliteratur spielen. Die Botschaft ist einfach: Das Elend von Flucht und Heimatverlust kann jeden treffen.

Das belegen auch die Auszüge aus Tagebüchern, Briefen, Reportagen, Erinnerungen und Autobiografien, eine Vielzahl von Zeugnissen, mit denen Kossert die "endlose Geschichte der Flucht" illustriert. Sie setzt ein in der frühen Neuzeit mit der Vertreibung der spanischen Juden im späten 15. Jahrhundert. Vier Jahrhunderte später sind es die russischen Juden, die fliehen müssen, ausgelöst durch Pogrome nach der Ermordung Alexanders II. 1881.

Bis zum Ersten Weltkrieg folgt eine Massenflucht, auch aus Österreich-Ungarn und Rumänien. Sie ist der Auftakt zu den millionenfachen Vertreibungen der kommenden Jahrzehnte, weit über Europa hinaus und bis heute. Nicht nur der europäischen Juden, die in der Shoa gipfeln, auch von Armeniern, Polen, Ukrainern, Finnen, Griechen, Deutschen, Russen, Slowenen, Tutsi - eine endlose Reihe.

Kossert zeigt deutlich erkennbar Haltung

Zwangsmigrationen seien humane Katastrophen des 20. Jahrhunderts, stellte 1948 der Soziologe und frühe Fluchtforscher Eugene M. Kulischer in seinem Buch "Europe on the Move" nüchtern fest, auch er ein Flüchtling vor den Nazis. Kulischer, ein Jude aus Kiew, hatte 1941 eine neue Heimat in den USA gefunden. Soweit das möglich war. Der Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, in einem anderen Land heimisch zu werden, wenn man unter Lebensgefahr fliehen musste, widmet Andreas Kossert den berührendsten Teil seiner Untersuchung.

Nicht nur werden die Ankömmlinge oft misstrauisch, sogar hasserfüllt empfangen, die Einheimischen können oder wollen auch ihre Geschichte, ihr bisheriges Leben weder glauben und schon gar nicht nachvollziehen. Hinzu kommt das Heimweh, das als Todesursache in keinem medizinischen Lehrbuch steht, wie Kossert anmerkt - das aber ganz gewiss manchen vor der Zeit sterben ließ und lässt. Zu einem "hilflosen Nichts" sei sein Vater 1948 im Beiruter Flüchtlingslager geworden, wie sich der palästinensische Autor Fawaz Turki später erinnerte. Bald darauf starb der Vater.

Man kann Andreas Kosserts Buch nicht genug loben. Einfühlsam, klug und mit deutlich erkennbarer Haltung geschrieben, lässt es doch nie die Distanz des Historikers zu seinem Stoff vermissen. Man wünscht ihm sehr viele Leser, gerade in einem Land wie Deutschland, das durch Flucht und Vertreibung - der jüdischen Nachbarn und Landsleute seit 1933, der Deutschen im Osten seit 1945 - vielfach gezeichnet und von einst entwurzelten Menschen geprägt ist.

© SZ vom 09.11.2020/odg
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