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Gefangenenhilfe für radikale Muslime:Website propagiert inhaftierte Islamisten als Märtyrer

Es ist der erste Versuch einer islamistischen Form der organisierten Gefangenenhilfe im deutschsprachigen Raum: Eine Webseite bietet Unterstützern Briefkontakt zu inhaftierten radikalen Muslimen. Hinter dem Onlineportal stecken zwei deutschsprachige Hassprediger. Sicherheitsbehörden schlagen Alarm.

Jan Bielicki

Der junge Mann, der sich Isa al-Khattab nennt, sitzt im Gefängnis. "24 Stunden in meiner Zelle und fast komplett isoliert", heißt es in einem im Internet veröffentlichten Brief, der dem 20-Jährigen zugeschrieben wird. Laut Personalausweis heißt er Harry M. und muss sich seit vergangener Woche vor dem Oberlandesgericht Schleswig verantworten. Die Bundesanwaltschaft beschuldigt ihn, ausländische terroristische Vereinigungen unterstützt zu haben.

Auf seiner Webseite Islamic Hacker Union waren Videos zu sehen, auf denen Islamisten brutal irakische Polizisten hinrichteten, auf Facebook soll der Schulabbrecher gar darüber schwadroniert haben, wie er einen Ungläubigen "abschlachten" werde, "direkt mit der machete rauf mitt in die halsschlag ader". Der Mord des jungen Islamisten Arid U. an zwei US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen begeisterte ihn: "Unser geliebter Bruder Abu Reyyan hat zwei Feinde Allahs auf die schönste Weise getötet, möge Allah ihn reichlich belohnen!", schrieb er in seinem Blog.

Den Sicherheitsbehörden gilt Harry M. - wie Arid U. - als Beispiel für ein Phänomen, das sie zunehmend beunruhigt: den islamistischen Einzelgänger, der sich im Internet radikalisiert. Doch kaum in Haft, war Harry M. nicht mehr allein. Sein Name erschien schnell auf einer Internet-Seite, die sich Ansarul-Aseer nennt, auf Deutsch: Unterstützung der Gefangenen. Diese Plattform stellt Briefe islamistischer Häftlinge ins Netz - wie jenen, den Harry M. alias Isa al-Khattab "aus der Gefangenschaft der Kuffar", also der Ungläubigen, geschrieben haben soll.

Und die Unterstützer treten selbst mit den Häftlingen in Kontakt - per Mausklick öffnet sich ein Formular, über das Briefe an 28 "Brüder" und eine "Schwester" in Haft geleitet werden können. Darunter ist der Flughafen-Mörder Arid U., der 9/11-Unterstützer Mounir M., der sogenannte Austro-Taliban Thomas al-J. und Filiz G., die als Terrorhelferin verurteilte Ehefrau von Fritz G., dem Kopf der islamistischen Bombenbauer der Sauerland-Gruppe.

Die Macher der Helferseite, die als Kontaktadresse eine Packstation im Berliner Bezirk Wedding angibt, gelten als ebenso gefährlich. Hinter diesem und anderen Netzauftritten wie Millatu-Ibrahim und Salafimedia sollen nach Erkenntnissen der Behörden zwei der radikalsten deutschsprachigen Hassprediger stehen: Denis C., 36, aus Berlin und Mohamed M., 26, aus Wien, beide vor kurzem ins Rheinland umgezogen.

Vorbild Links- und Rechtsextremismus

Denis C. kam einst als Gangsta-Rapper mit dem Künstlernamen Deso Dogg zu Bekanntheit - und wegen Drogendelikten in Haft. Dann bekehrte er sich zum Islam in seiner radikalsten Form, dem Salafismus. In Sprechgesängen, sogenannten Naschids, pries er nun als Abu Maleeq und Abu Talha al-Almani den bewaffneten Dschihad und Osama bin Laden als "schönsten Märtyrer dieser Zeit". Mohamed M. alias Abu Usama al Gharib saß bis Herbst selber vier Jahre als Terrorpropagandist in österreichischer Haft.

Die Gefangenenhilfe der beiden gilt Sicherheitsbehörden als Versuch zum Aufbau eines Netzes, wie es Links- und Rechtsradikale längst gewebt haben. So kümmert sich auf der extremen Linken die "Rote Hilfe" seit Jahrzehnten um Szene-Angehörige, die in Konflikt mit dem Gesetz geraten sind. Die neonazistische "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige", die rechtsextreme Straftäter betreute, wurde erst im vergangenen September von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) verboten.

So weit wie diese Vorbilder sind die islamistischen Gefangenenhelfer jedoch noch lange nicht. Juristische Hilfe etwa können sie nicht bieten. Dennoch stellt ihr Netzauftritt "einen wesentlichen Radikalisierungsfaktor für die Szene dar", sagt Claudia Schmidt, die Leiterin des Berliner Landesamts für Verfassungsschutz. Schließlich dient das Netzwerk nicht nur dazu, Häftlinge auf ideologischem Kurs zu halten.

Wichtiger noch ist die Botschaft nach außen, die von Ungläubigen eingesperrte Glaubensbrüder mit Märtyrern gleichsetzt. "Diese Propaganda sagt: Wir sind Opfer", erklärt Schmidt, "da sind dann Hass, Frust und Aggression nicht mehr weit weg." Wenn Mohamed M., bekleidet mit afghanischer Filzkappe und gescheckter Kampfweste, einen angeblich von Filiz G. verfassten Brief vorliest, ist das Video mit verzweifelten Schreien einer Frau unterlegt. Sie insinuieren eine Vergewaltigung.

Arid U. hat sich von ähnlichen Videoszenen zu seinen Morden anstacheln lassen.

© SZ vom 27.02.2012/hai
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