Austausch:Zwei Schweden gegen einen Massenmörder

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Johan Floderus, r., wurde am Flughafen in Stockholm vom schwedischen Premierminister Ulf Kristersson begrüßt. (Foto: Tom Samuelsson/Reuters)

Geiseldiplomatie zahlt sich aus: In einem Gefangenenaustausch lässt die schwedische Regierung einen verurteilten Iraner ausreisen. Menschenrechtsgruppen verurteilen den Deal.

Von Alex Rühle

Große Freude in Schweden: Johan Floderus und Saeed Azizi, die seit 2022 beziehungsweise 2023 in iranischen Gefängnissen saßen, sind wieder frei. Am Samstagabend landeten die beiden schwedischen Staatsbürger auf dem Stockholmer Flughafen. „Das sind zwei Menschen, die die Hölle auf Erden erlebt haben“, sagte der schwedische Premierminister Ulf Kristersson auf einer Pressekonferenz, auf der er auch bekannt gab, dass im Gegenzug der in Schweden zu lebenslanger Haft verurteilte Iraner Hamid Nouri nach Teheran ausgeflogen worden war.

Nouri war im vergangenen Jahr von einem Stockholmer Bezirksgericht wegen Mordes und schwerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Gericht hatte ihm nachgewiesen, 1988 in leitender Funktion an Massenhinrichtungen im Gefängnis von Gohardascht teilgenommen zu haben. Nouri war 2019 von einem Exil-Iraner, der lange Jahre in den Todeszellen des Ayatollah-Regimes gesessen hatte, auf raffinierte Art und Weise nach Schweden gelockt worden, wo er direkt am Stockholmer Flughafen von der Polizei festgenommen worden war.

Der Prozess gegen Nouri war für die iranische Führung sehr peinlich

Für die schwedische Regierung war immer klar, dass die Verhaftung von Johan Floderus und Saeed Azizi brachiale Versuche der iranischen Regierung waren, auf den Prozess in Schweden Einfluss zu nehmen. Schließlich waren Nouris Prozess und Verurteilung für das Teheraner Regime extrem peinlich: Im Prozess war immer wieder auch Ebrahim Raisi erwähnt worden, der kürzlich verstorbene iranische Präsident, der Ende der 1980er-Jahre als Richter einer der Hauptverantwortlichen für die Massaker war.

Floderus, ein 33-jähriger EU-Beamter, war im April 2022 auf einer Privatreise nach Iran festgenommen worden. Die Teheraner Staatsanwaltschaft warf ihm vor, für Israel spioniert, in Iran ein Agentennetz aufgebaut und „Korruption in der Welt verbreitet“ zu haben, ein so schwammiger wie schwergewichtiger Vorwurf im fundamentalistischen Mullah-Regime, der schon zu vielen Todesurteilen geführt hat. 

Saeed Azizi, der ebenfalls die schwedische Staatsbürgerschaft hat, war im November 2023 in Teheran festgenommen und wegen angeblicher „Geheimabsprachen gegen die nationale Sicherheit“ zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

Iran hat in den vergangenen Jahren immer wieder mittels Geiseldiplomatie eigene Staatsbürger, die im Ausland verhaftet worden waren, freigepresst. Ulf Kristersson sagte, Iran habe die beiden Schweden „zu Spielfiguren in einem zynischen Verhandlungsspiel gemacht, mit dem Ziel, den iranischen Staatsbürger Hamid Nouri aus Schweden freizubekommen“. Die Menschenrechtsgruppe Center for Human Rights in Iran (CHRI) protestierte scharf gegen den Austausch, schließlich belohne „das Abkommen die Islamische Republik für ihre Geiselnahmen und ermutige Iran, diesen lukrativen Geiselhandel fortzusetzen“. Der CHRI forderte alle Regierungen, deren Staatsangehörige weiterhin in iranischen Gefängnissen festgehalten werden, auf, keine bilateralen Gefangenen-Deals mehr mit dem Regime zu schließen und stattdessen eine energische multilaterale Antwort auf diese Form der Geiseldiplomatie zu finden. Der Massenmörder Hamid Nouri ist ebenfalls am Samstagabend in Iran gelandet. Al Jazeera meldete, Nouri sei „von Regierungsvertretern sehr herzlich in Empfang worden“.

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