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Sinti und Roma: Zoni Weisz:Die deutsche Verantwortung

Vor Weisz hatte Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) die Verantwortung Deutschlands für die Opfer des Nationalsozialismus betont. "Wir Nachgeborene haben versprochen und bekräftigen, dass wir die Schrecken der Geschichte nicht vergessen werden, dass wir die Erinnerung an sie bewahren und die Lehren aus ihr auch in Zukunft ziehen werden", sagte er zu Beginn der Gedenkveranstaltung. Lammert fügte hinzu: "Die Opfer verpflichten uns, alle Formen von Diskriminierung und Intoleranz zu ächten und jeder Art des Hasses und der Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten."

Gedenken an NS-Opfer im Bundestag

Gemeinsam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU, Mitte) und Bundeskanzlerin Angela Merkel betritt Zoni Weisz den Plenarsaal.

(Foto: dpa)

Lammert erinnerte daran, dass sich noch heute viele Sinti und Roma diskriminiert und stigmatisiert fühlten, "auch in Deutschland". Weil die Deutschen nur wenig über die Kultur und den Alltag von Sinti und Roma wüssten, seien Klischees und Vorurteile weitverbreitet.

Studien zeigten, dass sie beim Zugang zu Bildung und dem Gesundheitssystem benachteiligt würden und zudem weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. "Bis heute ist die größte Minderheit Europas zugleich die wohl auch am meisten diskriminierte Minderheit Europas", sagte Lammert. Den Auftritt Weisz' wertete er als "Zeichen der Versöhnung".

"Lauft um euer Leben"

Zoni (Johan) Weisz kam in Den Haag zur Welt; er ist einer der wenigen Mitglieder seiner Familie, die den Porajmos - die Romanes-Bezeichnung für den Roma-Holocaust, zu Deutsch "das Verschlingen" - überlebten. Nachdem die Gruppe, mit der er hatte fliehen wollen, entdeckt worden war, sollte er ebenfalls nach Auschwitz deportiert werden. Sein Leben rettete ein niederländischer Polizist, "wahrscheinlich ein Mitglied der Widerstandbewegung", vermutet Weisz.

Der Mann, so berichtete der 73-Jährige im Bundestag, habe ihnen am Bahnhof eingeschärft: "Ich gebe euch ein Zeichen, dann lauft um euer Leben. Hier stand der Zug nach Auschwitz: die Viehwaggons und darin meine ganze Familie. Auf der anderen Seite vom Bahnsteig stand ein normaler Personenzug. Als der Polizist seine Mütze abnahm, sind wir losgerannt und konnten in all dem Durcheinander auf den losfahrenden Personenzug aufspringen und entkommen."

Nach dem Krieg wurde Weisz Florist und zu einem der angesehensten Blumenbinder seines Landes. Mit dem größten Blumengebinde der Welt schaffte er es sogar ins Guinness-Buch. Die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit ließ Weisz nie los. Bis heute erzählt er als Zeitzeuge etwa in Schulen von seinen Erfahrungen.

"Fast jeden Tag erinnere ich mich einen Moment an das, was passiert ist", sagt er. Weil die systematische Verfolgung nicht nur der Juden sondern auch dieser Minderheit aber erst seit wenigen Jahren erforscht wird, nennt Weisz es den "vergessenen Holocaust".

Zentralrat begrüßt "deutliches Zeichen"

In Deutschland selbst begann sich die Wahrnehmung 1982 mit der Aussage des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zu ändern: "Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Viele von ihnen wurden ermordet. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermordes erfüllt."

Silvio Peritore vom Zentralrat der Sinti und Roma erklärte vor der Rede, der Auftritt von Weisz im Bundestag sei ein "Zeichen", mit dem die deutsche Politik deutlich mache, "dass sie Verantwortung übernimmt". Der Völkermord an den Sinti und Roma sei jahrzehntelang aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden, sagt er. Noch heute sähen sich Vertreter der Minderheit rassistischen Verfolgungen ausgesetzt, "in Osteuropa sehr viel stärker als in Deutschland". Nach Angaben des Zentralrates leben in Deutschland rund 70.000 Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit.

(Seit dem 26. Januar 2011 steht eine eindrucksvolle Datenbank der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem im Internet zur Verfügung, die Fotos von Opfern zeigt.)

Roma in Europa

Ein Volk mit vielen Facetten