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Gedenkstunde für NS-Opfer:Blick auf die Alltagsfolter

Deutschkron berlinert zeitweise in ihrer Rede, sie ist eben ein echtes Original der Stadt, in der ihr so viel Unrecht geschah. Der Vater emigriert nach Großbritannien, kurz vor dem Krieg. Tochter und Mutter bleiben in Berlin, bald müssen sie den Judenstern tragen, Deutschkron nennt ihn verächtlich "gelben Lappen". Das Mädchen Inge erlebt Hässliches: Bürger, die Fratzen schneiden, Menschen, die so tun, als ob sie durch sie durchsehen. Eine "diskriminierende Isolation" habe der Stern befördert. Den Rest erledigt das Regime mittels Verordnungen und Gesetzen: Juden müssen in Judenhäuser ziehen, die Telefonkabel werden gekappt, Haustiere verboten, Seifenkauf verboten, der Gang zum Friseur verboten, Kuchenkaufen verboten, Eierkaufen auch.

Deutschkron öffnet in ihrer Rede den Blick auf die Alltagsfolter, denen die jüdischen Deutschen ausgesetzt sind in jenen Kriegsjahren. Sie stellt sich damals "eine Riege von Unmenschen im Reichsinnenministerium vor, deren einzige Aufgabe es war, darüber nachzudenken, wie man ein Leben zu Qual macht", sagt sie. Deutschkron erzählt aber auch von Berlinern, die bedauern, die helfen wollen. Die verstohlen etwas in die Manteltasche stecken. Mal einen Apfel, mal eine Fleischmarke - Dinge, die Juden sonst nicht erhalten dürfen.

Inge Deutschkron während ihrer Rede im Bundestag

Inge Deutschkron während ihrer Rede

(Foto: dpa)

"Sie müssen doch vergeben können"

Im Oktober 1941 beginnen die Deportationen, die Reichshauptstadt soll endlich "judenrein" werden. Längst wabern Gerüchte umher, dass die Reise Richtung Osten im Grauen endet. 1943 soll auch Inge, wie es im zynischen Nazi-Jargon heißt, "evakuiert" werden, doch sie und ihre Mutter tauchen unter. Der Unternehmer Otto Weidt hat Courage, er hält seine schützenden Hände über die Frauen. Frühmorgens oder abends werden die anderen Berliner Juden abgeholt, Inge sieht sie vom Fenster aus, sieht "sie noch heute", wie sie von Polizisten in den Wagen gestoßen werden. "Wir haben keinen Schrei gehört", sagt Deutschkron, "sahen kein Aufbegehren. Gehorsam sind sie ihren letzten Weg angetreten".

Sie beginnt sich damals schuldig zu fühlen und fragt sich, "mit welchem Recht sich vor einem Schicksal zu drücken, das auch das meine ist". Nach dem Krieg wird sie sich voll und ganz der Aufarbeitung verschreiben. Die Wahrheit zu verkünden, das "Kämpfen für Freiheit und Recht", wird ihre erklärte Lebensmaxime. Wie enttäuscht sie von der jungen Bundesrepublik ist, zeigt Inge Deutschkron während ihres Auftritts offen. "Sie müssen doch vergeben können", sagt man ihr, und: "Es ist doch schon lange her". Deutschkron scheut sich auch nicht, den Übervater der CDU zu schelten. Der habe mal im Bundestag gesagt, die Mehrheit der Deutschen seien eigentlich Gegner der Nazis gewesen, sie hätten Juden geholfen. "Ach, wäre das nur die Wahrheit gewesen", ruft Deutschkron. Angela Merkel, Adenauers Amtsnachfolgerin in Kanzleramt und Partei, sitzt wenige Meter weiter auf der Regierungsbank und blickt sie reglos an.

An ihrem schönen schwarzen Kleid, das Deutschkron an diesem Tag trägt, ist der Hinweis darauf zu sehen, dass sie Trägerin des Verdienstordens des Landes Berlin ist. Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie mehrmals ab - weil in den ersten Nachkriegsjahren auch viele Alt-Nazis mit diesem Orden ausgezeichnet worden waren. Nach dem Krieg arbeitet Deutschkron als Journalistin, Deutschland verlässt sie von 1972 bis 1988, auch wegen antiisraelischen Untertönen der deutschen Linken nach 1968. Inzwischen pendelt sie zwischen Berlin und Tel Aviv. Vor diesem Hintergrund ist es eine große Sache für alle Beteiligten, dass Inge Deutschkron an diesem Tag im Reichstagsgebäude spricht.

Deutschkron beendet ihre Rede mit der Schilderung ihres resignierten Vaters, des Gymnasiallehrers im Exil. In England wartet er nach dem Krieg auf den Ruf aus Deutschland, nach den Nazis brauche man ihn doch sicher in Berlin, ihn, den "nicht ganz unbekannten Pädagogen". Doch der Ruf kommt nicht. Und so nimmt Martin Deutschkron, der stolze Sozialdemokrat und Frontkämpfer des Kaisers eines Tages die britische Staatsbürgerschaft an. Inge Deutschkron beschreibt den Moment, als er aufgibt, Deutscher zu sein und fragt: "Was dachte er wohl in diesem Moment?"

Mehr hat Deutschkron nicht zu sagen, alle Abgeordneten erheben sich und applaudieren. Gauck geht auf sie zu, schüttelt ihr die Hand. Die Musiker werden noch ein kurzes Stück spielen, deshalb geht Deutschkron noch einmal zu ihrem Stuhl. Der Präsident trägt ihr die Handtasche hinterher.

© Süddeutsche.de/olkl/rus

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