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Gedenkstunde für NS-Opfer:Hochemotional und würdevoll

Lammert lässt es sich nicht nehmen, Kritik in seine Rede zu mischen, es ist ein Appell, eine wirkmächtige Aufforderung. Er fände es gut, dass der Fernsehsender Phoenix diese Gedenkstunde übertrage. "Noch schöner wäre es, wenn ARD und ZDF es wichtig genug fänden, dieses gemeinsame Gedenken...", weiter kommt Lammert nicht, weil breiter Applaus das Plenum erfüllt. Nach einigen Momenten, die sich wie eine Minute anfühlen, fährt er fort: "... dieses gemeinsame jährliche Gedenken einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln."

Der Bundestagspräsident leitet jetzt zu Inge Deutschkron über. Sie sei eine von 1700 jüdischen Berlinern, die der Vernichtung entgehen konnten - durch Zivilcourage. Weil mutige nichtjüdische Bürger getan haben, wozu die Mehrheit nicht willens war. Das beweise, dass es "auch in Zeiten des Terrors" möglich sei, Menschlichkeit zu zeigen, sagt Lammert.

Nach Synagogalmusik - eine Organistin spielt zum Gesang von vier Frauen und Männern - folgt der Höhepunkt der Gedenkstunde. Inge Deutschkron geht ans Rednerpult, ihre rote Handtasche nimmt sie mit. Deutschkron hat ihre Ansprache akribisch vorbereitet, sie liest sie ab. Und doch lässt sie in den nächsten Minuten eine ergreifende Atmosphäre entstehen, hochemotional, rührend und vor allem: würdevoll. So wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der im Vorjahr an derselben Stelle vom Leiden, Sterben und Überleben während des Krieges im Warschauer Ghetto sprach.

Deutschkrons Rede beginnt früher, vor genau 80 Jahren, in Berlin. Der Stadt, wo sie lebt und zur Schule geht. Der Stadt, in der ein greiser Präsident einen erklärten Demokratiefeind zum Regierungschef erhebt. Sie beschreibt, wie es ist, als Zehnjährige zu spüren, dass sich das bis dahin Bekannte rasant verändert. Wie Männer in khakifarbenen Uniformen durch die Straßen ihres Berlins marschieren, zu dröhnender Marschmusik, und davon singen, wie "das Judenblut vom Messer spritzt". Wie normale Bürger am Straßenrand stehen, wie ihre Arme hochfliegen und sie ihre Begeisterung heraus schreien. Wie ein Mädchen nachts wach liegt und horcht, ob Männer in schweren Stiefeln das Treppenhaus hoch trampeln.

Gedenkveranstaltung im Bundestag

Gedenkveranstaltung im Bundestag Inge Deutschkron (M) wird vor Beginn einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus von Bundespräsident Joachim Gauck (v-l), dem Bundesratspräsidenten und Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zu ihrem Platz im Plenarsaal des Deutschen Bundestages geleitet.

(Foto: dpa)

Dabei muss die junge Inge erst einmal lernen, was das ist: eine Jüdin. "Irgendwie schien mir das ein schwieriges Thema zu sein", erzählt die betagte Inge nun im Bundestag. Religion wurde "in meiner Schule nicht gelehrt" und "spielte zu Hause keine Rolle".

Aber wer Hitler war, wusste sie. Und dass die sozialdemokratischen Eltern gegen die Nazis waren. Die Mutter engagierte sich gegen das NS-Regime, vergeblich. Den Vater drängten die Nazis April 1933 aus dem Schuldienst. Dass er im Ersten Weltkrieg für den Kaiser und das Reich bei Verdun sein Leben riskiert hatte, interessierte die neuen Herren ebenso wenig wie das Eiserne Kreuz, dass ihm für Tapferkeit verliehen worden war.

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