Gedenken an Reichspogromnacht Werben für ein für ein buntes, offenes, unverkniffenes Judentum

Der Frankfurter ist selbst ein leidenschaftlicher Redner, wird ebenfalls sprechen auf der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht 1938, er wird für ein buntes, offenes, unverkniffenes Judentum werben. Was Grosser angeht, sagt Graumann, sei das Unbehagen bei vielen in seiner Gemeinde "eine Frage des Gefühls". Viele fühlten sich verletzt von Grossers Israelschelte, die in den vergangenen Jahren gekennzeichnet sei "von Extremismus". Grosser könne seine Meinungen ruhig vertreten. "Aber gerade der 9. November ist nicht der richtige Anlass."

Der 9. November, das ist einer der identitätsstiftenden Jahrestage der Juden in Deutschland; es ist der Tag, an dem ihre Synagogen brannten, an dem ihr bürgerliche Leben zerbrach und sie zum Freiwild wurden. Der 9. November ist aber auch ein Tag, an dem sich zunehmend zeigt, wie brüchig diese Identität geworden ist. Für die Mehrheit der russischen Zuwanderer ist dieser Novembertag kein besonderer Tag mehr - sie feiern den 9. Mai, den Tag, an dem die Wehrmacht vor der Roten Armee kapitulierte. Auch der Glaube hält die Gemeindemitglieder nicht mehr automatisch zusammen - das Wissen über die Religion ist bei vielen Zuwanderern gering geblieben, mancher Alteingesessene rümpft die Nase über die "Kulturjuden".

Bleibt also die Solidarität mit Israel. Sie gehört seit der Gründung 1950 zu den unhinterfragten Glaubenssätzen des Zentralrats, sie war die Antwort auf die polemische Frage der Zionisten, wie denn nach dem Holocaust überhaupt noch ein Jude in Deutschland leben konnte. Auch dieser Pfeiler der Identität ist brüchig geworden: Die Deutschen sehen die Israelis immer häufiger als Besatzer und Aggressoren, auch in den Gemeinden gibt es kleine, aber wachsende Gruppen, die Israels Politik für einen der Gründe halten, warum der Nahostkonflikt unlösbar bleibt. Mancher unsolidarische Deutsche, dazu eine kritische Minderheit in den eigenen Reihen: beides verletzt die Zentralratsmitglieder, die zunehmend gereizt und unsouverän auf Israel-Kritik reagieren.

Und dann kommt ausgerechnet Grosser zu den Ehren einer 9.November-Rede - der altbekannte Gegner aus dem altbekannten Konflikt. Da ist das Interview, das Grosser im Juni 2009 gab, in dem er die Kritiklosigkeit der Deutschen gegenüber Israel kritisierte. "Sobald einer die Stimme erhebt, heißt es sofort: Antisemitismus," sagte er, am schlimmsten sei dabei der Zentralrat der Juden. Und bei denen sei Graumann der Schlimmste.

Eines immerhin verbindet beide inzwischen: Graumann wie Grosser finden die Diskussion mittlerweile zu aufgeregt. "Es wird an sich ruhig verlaufen", hofft Grosser. Wenn seine Rede vorbei ist, will er in die Synagoge: "Mit allen."