Süddeutsche Zeitung

Gedenken an Lech Kaczynski:Das Kreuz mit dem Kreuz

Beim Beten verhaftet: Polens Polizei räumt den Platz vor dem Präsidentenpalast, auf dem ein Kreuz an den früheren Staatschef Lech Kaczynski erinnert. Fundamentalkatholiken bestehen darauf, dass es bleibt.

Thomas Urban, Warschau

Polnische Polizisten haben am frühen Samstagmorgen eine Gruppe von Fundamentalkatholiken mit Gewalt vom Platz vor dem Warschauer Präsidentenpalast entfernt. Die Festgenommenen hatten vor einem knapp fünf Meter hohen Holzkreuz, das dort im April nach dem Tod des Staatspräsidenten Lech Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz errichtet worden war, den Rosenkranz gebetet und Kirchenlieder sowie die polnische Nationalhymne gesungen.

Die Polizisten drängten auch Abgeordnete der von Jaroslaw Kaczynski, dem Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten, geführten nationalkonservativen Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), zur Seite. Sie hatten den "Kreuzverteidigern" zur Seite stehen wollen.

Der Konflikt um das Kreuz währt nun bereits einen Monat. Der neue Staatspräsident Bronislaw Komorowski, der der von Premierminister Donald Tusk geführten konservativen Bürgerplattform (PO) angehört, hatte in Absprache mit den katholischen Bischöfen die Überführung des Kreuzes in eine nahegelegene Kirche angekündigt. Komorowski beruft sich dabei auf die von der Verfassung gebotene Trennung von Kirche und Staat. Diese erlaube das Aufstellen eines Kreuzes auf einem öffentlichen Platz nicht.

Der neue polnische Primas Jozef Kowalczyk, der kirchenintern Distanz zu den Fundamentalkatholiken hält, verurteilte die "beispiellose und ständig schlimmer werdende Manipulation" mit dem Kreuz, wurde allerdings nicht präziser. In seiner Predigt zum Abschluss der großen Wallfahrten in das Marienheiligtum Tschenstochau rief er seine Landsleute dazu auf, sich jedem "politischen Handel mit dem Kreuz" zu widersetzen.

Streit beschädigt Ansehen der Kirche

Ursprünglich sollte das Warschauer Kreuz bereits vor zwei Wochen in einer feierlichen Prozession vom Präsidentenpalast in die nahegelegene Annenkirche gebracht werden. Doch hatten Fundamentalkatholiken den dazu abgeordneten Priestern den Zutritt zu dem Platz mit dem Kreuz verweigert.

Nach jüngsten Umfragen beschädigt der Streit das Ansehen der Kirche. In mehreren Pressekommentaren wurde gefragt, warum keiner der Bischöfe sich an die Spitze der Prozession gestellt habe, kein Verteidiger des Kreuzes werde sich einem Bischof entgegenstellen.

Komorowski enthüllte am Sonntag in der Warschauer Garnisonskirche eine Gedenktafel für die 96 Opfer des Flugzeugunglücks unweit der russischen Großstadt Smolensk. Neben seinem Vorgänger Lech Kaczynski gehörten Spitzenbeamte, drei stellvertretende Parlamentspräsidenten, fünfzehn weitere Abgeordnete sowie die fünf höchsten Generäle zu den Toten. Die polnische Delegation war auf dem Weg in das russische Dorf Katyn gewesen, in dessen Nähe 1940 mehr als 4000 polnische Offiziere und Intellektuelle vom sowjetischen Geheimdienst erschossen worden waren.

Buhrufe für den neuen Präsidenten

Jaroslaw Kaczynski und seinen Anhängern aber reicht eine Gedenktafel nicht, sie verlangen ein Denkmal für die Opfer vor dem Präsidentenpalast. Dies hat Komorowski bislang mit dem Hinweis auf die noch laufende Untersuchung des Flugzeugunglücks abgelehnt. Nach Meinung Warschauer Kommentatoren weisen viele Indizien darauf hin, dass auf die Piloten der Regierungsmaschine Druck ausgeübt worden sei, trotz dichten Nebels in Smolensk zu landen. Die Frage ist nur, ob der Präsident oder der Luftwaffenkommandeur entsprechende Order erteilt hat. Die Auswertung der Aufzeichnung der Cockpitgespräche soll bis Ende September abgeschlossen sein.

Nach der Messe nahm Komorowski aus Anlass des Tages der Streitkräfte, der in Polen traditionell auf Mariä Himmelfahrt fällt, einen kurzen Vorbeimarsch von Ehrenformationen ab. Auf die unter Lech Kaczynski eingeführte große Militärparade mit Panzern und Kampffliegern verzichtete er. Als er anschließend vor den Präsidentenpalast fuhr, empfing ihn eine etwa hundert Personen starke Menschengruppe mit Buhrufen. Ein Teil scharte sich um ein zweites ebenfalls fast fünf Meter hohes Kreuz, das am Sonntagmittag ebenfalls in Sichtweite des Präsidentenpalastes aufgestellt worden war.

Vertreter des oppositionellen Demokratischen Linksbündnisses (SLD) begrüßten das harte Eingreifen der Polizei. Der SLD-Abgeordnete Tadeusz Iwinski sagte: "Das Symbol wird als Mittel im politischen Kampf genutzt. Dabei zeigt sich die Schwäche des Staates, des Präsidialamtes, der Stadt Warschau und der Kirche."

Die SLD hatte vor einer Woche eine Kundgebung organisiert, auf der die "Verteidigung der Verfassung", also die Entfernung des Kreuzes, gefordert wurde. An der Demonstration nahmen mehr als zehntausend Menschen teil. So viele konnte die frühere Regierungspartei lange nicht mehr mobilisiert.

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Quelle:
SZ vom 16.08.2010/afis
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