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Jagdflieger im Ersten Weltkrieg:Ein Schnaps zur Versöhnung

Flugzeuge des Jagdgeschwaders Richthofen im 1. Weltkrieg

Flugzeuge des Jagdgeschwaders Richthofen im Ersten Weltkrieg auf einem Feldflugplatz in Frankreich.

(Foto: Scherl)

Im September 1916 schoss der "Rote Baron" zwei Briten vom Himmel über Frankreich. 100 Jahre später treffen sich Nachfahren der drei Piloten auf ein Gläschen in London.

Von Luca Deutschländer

Wenn Christopher Barnett und seine Gäste sich am Samstag zum Dinner treffen, werden auf den edel gedeckten Tischen Getränke aus drei Nationen stehen: englischer Schaumwein, australischer Süßwein, dazu Birnenschnaps und Spätburgunder aus Deutschland. Dabei plant Christopher Barnett gewiss kein Trinkgelage. Vielmehr soll die Zusammenkunft zu einer späten Aussöhnung werden. Barnett hat die Nachfahren eines deutschen und zweier britischer Kampfpiloten eingeladen - auf den Tag 100 Jahre, nachdem der Deutsche die Briten vom Himmel über Frankreich schoss.

Es ist das Jahr 1916, seit zwei Jahren tobt der Erste Weltkrieg. Und in der Luft beginnt die militärische Karriere eines Mannes, über den noch Jahrzehnte später gesprochen werden wird. Die Rede ist von Manfred von Richthofen: deutscher Jagdflieger und nach seinem Tod 1918 besser bekannt als "der Rote Baron". Bis heute gilt von Richthofen als der Pilot mit den meisten Abschüssen im Ersten Weltkrieg, um die 80 sollen es gewesen sein. Der erste "Luftsieg" des Roten Barons datiert auf den 17. September 1916 über der französischen Kleinstadt Cambrai.

Der "Rote Baron" schießt - und die britische Besatzung hat keine Chance

Es ist ein Sonntag, als Flieger der britisch-königlichen Luftstreitkräfte den Bahnhof im nordfranzösischen Marcoing bombardieren. Auf ihrem Rückweg treffen sie auf die deutsche Jagdstaffel 2, zu deren Piloten seit kurzem auch Manfred von Richthofen gehört. Als der Befehlshaber der Jagdstaffel, Oswald Boelcke, die britischen Flieger sichtet, gibt er seinen Leuten Schießbefehl. "Nur immer der eine Gedanke: "Der muß fallen, mag kommen, was da will!", beschrieb von Richthofen den Moment in seiner Autobiographie "Der rote Kampfflieger". Das Kapitel trägt den Titel "Mein erster Engländer".

Als er so nahe an seinem Gegner ist, dass er schon fürchtet, ihn zu rammen, schießt von Richthofen - und trifft. In der Maschine sitzen der damals 21-jährige Tom Rees aus Wales und der 19-jährige englische Pilot Lionel Morris. Schwerverletzt bringen sie ihr Flugzeug noch auf den Boden. Der eine stirbt direkt nach der Landung, der andere auf dem Weg ins Lazarett. "Meinem in Ehren gefallenen Gegner setzte ich zum Andenken einen Stein auf sein schönes Grab", schreibt von Richthofen.

Die Spur von Lionel Morris führt nach Croydon, einem südlichen Stadtbezirk von London. Bevor er sich der Luftwaffe anschließt, wird Morris hier an der Whitgift School, einer heute mehr als 400 Jahre alten Tagesschule für Jungen, unterrichtet. Und genau dort schließt sich am Samstag beim Abendessen, zu dem Schuldirektor Christopher Barnett eingeladen hat, gewissermaßen der Kreis. Denn auf der Gästeliste stehen die Nachkommen von Lionel Morris, Tom Rees - und Manfred von Richthofen. "Es wird das erste Mal sein, dass Angehörige aller drei Familien - aus England, Wales und Deutschland - sich hier treffen werden", erklärt Barnett auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. Sie alle seien ziemlich gespannt auf das gemeinsame Dinner, versichert Barnett.

Gemeinsam mit seinen Gästen will er ein paar schöne Stunden genießen und auf die Versöhnung anstoßen. Dabei wird die Runde sich eines Brauchs bedienen, der unter den Luftkämpfern des Ersten Weltkriegs laut Barnett gang und gäbe war. "Piloten der kriegführenden Länder hatten großen Respekt voreinander", sagt er. Wenn beide überlebten, sei nach dem Kampf häufig gemeinsam ein Schnaps getrunken und geraucht worden. "Und wenn einer im Kampf gefallen ist, war das Schnaps-Trinken ein galantes Mittel, des Kameraden zu gedenken."

Genau so soll es auch am Samstag, genau 100 Jahre später, sein. Die Runde wird sich ihrer Vorfahren erinnern, die eines vereint: sie alle kamen im Ersten Weltkrieg um. Ein bisschen seltsam mutet es da schon an, dass Barnett seinen Gästen den Alkohol der Völkerverständigung in einem kleinen silbernen Pokal servieren wird. So habe es früher schon der "Rote Baron" gemacht, der nach Angaben von Barnett für jeden seiner ersten 60 Siege in der Luft einen solchen Schnapsbecher hat anfertigen lassen (für die restlichen 20 Siege reichte das Silber dann nicht mehr aus). "Der erste ist leider verschollen. Aber wir werden aus einer am Original orientierten Kopie trinken."

Ein Öl-Gemälde zum Andenken

Das Dinner ist gewissermaßen der Höhepunkt einer Ausstellung mit dem Namen "Remembering 1916", die Christopher Barnett in Croydon organisiert hat. Sie widmet sich dem Leben und Sterben an der Westfront, seit März haben sie seiner Aussagen nach bereits 20 000 Menschen besucht. Gewidmet ist sie den 251 Schülern und Lehrern der Whitgift School, die zwischen 1914 und 1918 ihr Leben gelassen haben. "Ich wollte eine Ausstellung haben, die sich von denen in Museen unterscheidet", erklärt Barnett. Alle Ausstellungsgegenstände entstammen privaten Sammlungen, Lehrer, Schüler, Eltern und Unterstützer der Schule haben Barnetts Konzept umgesetzt.

Im Mittelpunkt steht die Geschichte des "Roten Barons" und seiner ersten Opfer, Lionel Morris und Tom Rees. Barnett hat sogar ein Öl-Gemälde in Auftrag gegeben, auf dem die Kampfszene der Beteiligten dargestellt ist. "Ich halte es für eine großartige Idee, dieses Gemälde den Nachfahren der Abgebildeten zu zeigen", sagt Barnett heute. Also begab er sich schon vor Monaten auf Spurensuche, stellte Kontakt zu einer Nachfahrin von Lionel Morris her, die wiederum Angehörige von Tom Rees aufspürte. Und Barnetts Sohn Rowan, der in Berlin lebt, stellte den Kontakt zu Baron Donat von Richthofen her.

Barnett ist sehr sichtlich stolz darauf, die Geschichte vom "Roten Baron" und seinen ersten Opfern um ein Kapitel fortschreiben zu können. Barnett ist der Meinung, dass die Zeit reif ist für eine Versöhnung - 100 Jahre, nachdem alles begonnen hat. Dass dann neben Weinen aus England und Deutschland auch einer aus Australien auf dem Tisch stehen wird, kann er im Übrigen schnell erklären: Als der "Rote Baron" im April 1918 getötet wurde, feuerten australische Streitkräfte den entscheidenden Schuss ab.

© SZ.de/pamu
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