Süddeutsche Zeitung

Geburtstag von Kim Jong Un:Diktator im Paradies

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Pop-Star, gütiger Vater und großer Redner: Zu seinem Geburtstag feiert das Staatsfernsehen Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und Basketballer Dennis Rodman singt dem "Geliebten Führer" ein Ständchen. Kim Jong Un fühlt sich seiner Macht sicher. Im März lässt er wählen.

Von Christoph Neidhart

Auf einem Schimmel ist Kim Jong Un zum Auftakt einer einstündigen Filmcollage am Mittwochabend in die Wohnzimmer Nordkoreas gekommen. Das Fernsehen feierte seinen 31. Geburtstag, wobei manche Quellen auch meinen, es sei der 30. gewesen.

Der Diktator ritt zu einem verschneiten Denkmal seines Großvaters, des Staatsgründers Kim Il Sung. Danach inspizierte er Manöver, Fabriken und Baustellen, nie um einen Befehl verlegen. Dabei kehrte er immer auf die Baustellen des neuen Skigebiets am Masik-Pass und eines Erlebnisbads in Pjöngjang zurück - bis ihm die Badenden im Becken der neu eröffneten Anlage zujubelten.

Kim Jong Un wurde als Pop-Star, mutiger General, liebender Sohn, gütiger Vater, weiser Ratgeber und großer Redner porträtiert. Wo er hinkam, stürzten die Leute herbei, um ihn zu sehen und anzufassen. Selbst Soldaten gerieten in ekstatische Verzückung. Er küsste Kinder, alte Frauen und (zweitrangige) Politiker aus der Dritten Welt. Dazu säuselte sanfte Popmusik, die Stimme der Fernsehsprecherin überschlug sich: Nordkorea ist ein Paradies der Glücklichen. Der Personenkult um den neuen "Geliebten Führer" stellt alles Bisherige in den Schatten. Sein Vater scheute die Öffentlichkeit zu sehr, als dass man über ihn genug Filmschnipsel gefunden hätte.

Den hingerichteten Onkel aus den Aufnahmen zu schneiden, muss viel Arbeit gewesen sein

Der im Dezember hingerichtete Onkel Jang Song Taek, der Kim in seinen letzten zwei Jahren begleitete, war auf den Aufnahmen nie zu sehen. Es muss die Regisseure viel Arbeit gekostet haben, die Bilder zu eliminieren. Seine Frau, Kims Tante Kim Kyong Hui, von der südkoreanische Experten glauben, sie sei schwer krank, wurde dagegen prominent mit ihrem Enkel gezeigt.

Die Hauptnachrichten zeigten dann einige dumpfe Geburtstagsfeiern, denen Kim jedoch fernblieb. Er selber beging seinen Geburtstag mit seiner Frau und 14 000 Offiziellen bei einem Basketballspiel zwischen einer koreanischen Auswahl und einem Team ausgemusterter US-All-Stars. Das war ein Geschenk von Dennis Rodman, dem früheren Spieler der Chicago Bulls. Zum Auftakt sang Rodman, der Kim "meinen Freund fürs Leben" nennt, dem Diktator "Happy Birthday". Wie immer trug er die für Nordkoreaner völlig ungewohnte Baseballkappe und Piercings. Die Nordkoreaner gewannen das Spiel.

Vorwürfe von CNN, Rodman mache sich zu Kims Propaganda-Instrument, wies dieser in einer Live-Schaltung aus Pjöngjang mit Zigarre in der Hand wütend zurück: "Es kümmert mich den Arsch einer Ratte, was Sie denken", schnauzte er den Moderator an. Kim habe "mit Nordkorea Großartiges vor". Er hält seine Reise für Basketball-Diplomatie. Allerdings hat ihn selbst Bill Richardson dafür kritisiert, der Ex-Gouverneur von New Mexico, der schon mehrmals als Nordkorea-Vermittler auftrat.

Friedenssignale gen Seoul - stets zu Neujahr

Kim hat im Herbst mit den Säuberungen begonnen, die in Onkel Jangs Hinrichtung gipfelten, und die Schrauben der Repression angezogen: An der Grenze zu China sind die Patrouillen massiv verstärkt, Kurzreisen chinesischer Touristen sind gestoppt, weil Fluchthelfer sie zum Schmuggeln von Nordkoreanern benutzten und der Besitz südkoreanischer CDs wird nun noch strenger verfolgt als bisher.

Gleichwohl gab sich Kim in seiner Neujahrsansprache konziliant, er hält seine Macht offenbar für gefestigt. Im März will er turnusgemäß die Oberste Volksversammlung, das nordkoreanische Parlament, wählen lassen. Eine Wahl haben die Menschen freilich nicht, die Partei gibt die Kandidaten vor, die an der Urne bestätigt werden. Kim wird diese Gelegenheit nutzen, um nur noch seine eigenen Leute in die Versammlung wählen zu lassen. Andererseits zeigt die Abstimmung durchaus, dass er sich sicher fühlt.

In seiner Neujahrsansprache versprach der Geliebte Führer, 2014 zum Jahr der Erneuerung der Landwirtschaft zu machen. Seoul rief er auf, gemeinsam für die Wiedervereinigung zu arbeiten. Eine Sanierung der Landwirtschaft hatte er freilich schon voriges Jahr angekündigt, und Friedenssignale sendet Pjöngjang stets zu Neujahr gen Seoul. Experten in Südkorea haben aus der Wortwahl heuer freilich etwas mehr Entgegenkommen herausgelesen.

Südkorea nennt das angebliche Friedensangebot "nicht ernsthaft"

Seoul lehnte das angebliche Friedensangebot umgehend als "nicht ernsthaft" ab. Präsidentin Park Geun Hye erwiderte die Geste dann gleichwohl mit dem Vorschlag, die Familienzusammenführungen sollten schon zum koreanischen Neujahr Ende Januar wieder aufgenommen werden. Alle bisherigen Annäherungen zwischen Seoul und Pjöngjang begannen über dieses Nebengleis.

Zum Schluss der filmischen Geburtstagscollage erstrahlte ein großes Feuerwerk über Pjöngjang, die Stimme der Sprecherin steigerte sich bis ins Ekstatische, dazu erklang ein Triumphmarsch - und da war er wieder: der junge Monarch auf seinem Schimmel.

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SZ vom 09.01.2014/ebri
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