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Zeitgeschichte:Verhütungsallianzen und ihre Gegner

Ausgabe von Antibabypillen in Kairo

Der Formelkompromiss von Kairo wurde 1994 ausgehandelt. Ausgabe von Antibabypillen in Kairo; undatiertes Foto.

(Foto: dpa)

Historiker Roman Birke erklärt akribisch, wie sich die Welt jahrzehntelang über Geburtenkontrolle und Bevölkerungswachstum stritt.

Rezension von Friederike Bauer

An die Formel "Reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte" wird man sich wahrscheinlich nie gewöhnen, auch wenn sie uns schon fast dreißig Jahre begleitet. Denn sie ist sperrig, unkonkret, redundant und unschön - aber politisch äußerst bedeutsam. Sie rührt von der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo.

Dort hatte sich die Staatengemeinschaft nach langer aufgeladener politischer Auseinandersetzung schließlich auf diese Begrifflichkeit geeinigt. Zwar blieb Bevölkerungspolitik auch dort umstritten, die Gräben konnten nicht komplett zugeschüttet werden, aber "reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte" bildeten das, was man gemeinhin einen Formelkompromiss nennt. Und er beendete eine jahrzehntelange Debatte um Bevölkerungspolitik und Verhütungsmittel, die die Vereinten Nationen seit ihrer Gründung 1945 begleitet hatte.

Gemeint ist damit, grob gesprochen, das Grundrecht aller Paare und Individuen, eigenverantwortlich über Zahl und Zeitpunkt der Geburt ihrer Kinder entscheiden zu können. Die Planung der eigenen Fortpflanzung soll ohne Diskriminierung, Zwang und Gewalt erfolgen.

Damit wird also jedem Menschen - auch Frauen - das Recht zugesprochen, über seine Sexualität frei zu entscheiden und dafür Zugang zu entsprechenden Verhütungsmitteln und Gesundheitsleistungen zu erhalten.

Dass dieser Zugang bis heute nicht für alle Menschen existiert, steht auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall geht dieses Konzept über das reine Verteilen von Verhütungsmitteln hinaus, verfolgt einen ganzheitlichen, entwicklungspolitischen und menschenrechtlichen Ansatz, zu dem auch Aufklärung und veränderte Rollenbilder gehören.

Wie es zu diesem Kompromiss kam, wie aus einem reinen Diskurs zu Überbevölkerung eine rechtebasierte Politik wurde, diesen langen Weg zeichnet Roman Birke in seinem Buch akribisch nach. Besonders interessant ist die Darstellung der vielen Akteure, die hier Einfluss nehmen, denn Bevölkerungspolitik lässt niemanden kalt: nationale Regierungen nicht, weil die Zahl der Nachkommen gravierende wirtschaftliche Folgen hat.

Internationale Organisationen nicht, weil die Entwicklung der Welt auch von der Zahl der Menschen abhängt, die in ihr leben. Umweltschützer nicht, weil sie die Ressourcen der Erde mit wachsender Menschheit weiter strapaziert sehen. Feministinnen nicht, weil Fragen der Fortpflanzung das Leben von Frauen unmittelbar berühren. Religionsgemeinschaften nicht, weil Sexualität und Familie in der Regel einen entscheidenden Teil ihres Wertekanons ausmachen. Und das sind nur einige der interessierten Gruppen, die sich aktiv an dieser Debatte beteiligt haben und es bis heute tun.

Vor allem die katholische Kirche protestierte vehement

Aufgrund der Heterogenität der Akteure kam es international immer wieder zu einer erstaunlichen Melange aus Positionen, Argumenten und Interessen, die sich mischten, überlagerten, widersprachen oder sogar diametral gegenüberstanden. Sie alle skizziert Birke.

Da war zum einen die Kalte-Kriegs-Rhetorik. Während die Sowjetunion internationale Programme zur Geburtenkontrolle als "westlichen Imperialismus" erachtete und als geopolitische Bedrohung wahrnahm, fürchtete der Westen ohne solche Programme die Ausweitung kommunistischer Systeme und Bevölkerungsgruppen.

"Aus Sicht der katholischen Kirche sprach die Forderung nach Ausweitung von Verhütungsmitteln gegen alles, was ihr zu Fragen der Sexualität und der Familie heilig war", beschreibt Birke die Position des Vatikan und mit ihm zahlreicher katholischer Länder. Die katholische Kirche sprach sich gegen jede Form "künstlicher" Verhütung und absolut gegen Abtreibung aus, weil das Leben bereits mit der Befruchtung beginne.

Roman Birke: Geburtenkontrolle als Menschenrecht. Die Diskussion um globale Überbevölkerung seit den 1940er Jahren. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020. 319 Seiten, 32,90 Euro. E-Book: 25,99 Euro.

Auch offener oder versteckter Rassismus spielte eine Rolle: Gedanken weißer Vorherrschaft, die ihre Wurzeln in der Eugenik früherer Jahrzehnte hatten, schwangen hier und da noch in der Debatte mit, gerade mit Blick auf Afrika und Asien.

Die Vereinten Nationen, besonders in Gestalt des dritten Generalsekretärs U Thant zeigten sich ihrerseits besorgt, das rasche Bevölkerungswachstum, das vor allem in Entwicklungsländern stattfand und bis heute stattfindet, könne in den armen Regionen der Welt zu mehr Hunger und größerer Armut führen und dadurch wirtschaftliche und soziale Rechte gefährden.

Und über allem stand der Konflikt zwischen individuellen und kollektiven Rechten und Interessen. Besonders umstritten waren in den Siebzigerjahren die Zwangssterilisationen in Indien und die Ein-Kind-Politik in China, bei deren Ablehnung teils merkwürdige Allianzen zwischen Kirchen und Frauenrechtlerinnen entstanden.

Debatte gedeckelt, aber nicht beendet

Diesen heiklen, polarisierenden und ambivalenten Diskurs chronologisch aufzuarbeiten, ist aus wissenschaftlicher wie politischer Sicht besonders verdienstvoll, gerade weil die Debatte nur gedeckelt, aber nicht beendet ist.

Das zeigte sich erst unlängst wieder, als US-Präsident Trump Mittel für den UN-Bevölkerungsfonds strich, weil der angeblich "Zwangsmaßnahmen" inklusive Abtreibung zur Geburtenkontrolle befürwortet und unterstützt. Dabei sind gerade viele ärmere Länder auf seine Programme dringend angewiesen und immer noch Millionen von Frauen ungewollt ohne Verhütungsmittel.

Allerdings merkt man dem Buch an, dass es auf einer Dissertation beruht, weil der Autor die historischen Zusammenhänge stellenweise sehr kleinteilig aufarbeitet und sich über weite Strecken einer eher schwerfälligen Sprache bedient.

Das Thema wäre es allemal wert gewesen, populärer behandelt zu werden und dabei eine gute Mischung aus wissenschaftlicher Akkuratesse und Lesefreude zu finden. So aber bleibt der Band wohl etwas für Fachleute - obwohl das Recht auf freie und sichere Fortpflanzung nun wirklich jeden Menschen etwas angeht.

Friederike Bauer ist freie Journalistin und schreibt vor allem über Außen- und Entwicklungspolitik.

© SZ vom 17.08.2020/odg
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