Krieg in Gaza:Niemand weiß, wo es noch sicher ist

Krieg in Gaza: Nach einem israelischen Luftangriff steigt Rauch auf über Chan Yunis. Vor dem Krieg lebten dort knapp 300 000 Menschen, jetzt sind es mindestens doppelt so viele.

Nach einem israelischen Luftangriff steigt Rauch auf über Chan Yunis. Vor dem Krieg lebten dort knapp 300 000 Menschen, jetzt sind es mindestens doppelt so viele.

(Foto: Said Khatib/AFP)

Nach massiven Luftangriffen auf Chan Yunis im Süden des Gazastreifens kämpfen Bodentruppen jetzt im Zentrum der Stadt. Israel hofft, dort den Anführer der Hamas aufzuspüren.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Chan Yunis steht heftig unter Beschuss. Die größte Stadt im südlichen Gazastreifen ist das primäre Ziel der israelischen Angriffe in dieser neuen Kampfrunde. Vor dem Krieg lebten dort knapp 300 000 Menschen, nun sind es wegen der vielen Flüchtlinge aus dem Norden mindestens doppelt so viele - und irgendwo in Chan Yunis vermutet Israels Armee auch eines der Hauptziele ihrer Offensive: Jahia Sinwar, den Anführer der Hamas und Hauptverantwortlichen für den Terrorüberfall am 7. Oktober mit 1200 Toten.

Die Suche nach Sinwars Versteck wird israelischen Medienberichten zufolge mit dem Einsatz aller geheimdienstlichen Mittel vorangetrieben. Ihn auszuschalten, wäre in jedem Fall ein symbolischer Sieg, vielleicht sogar noch mehr.

Man hofft in Israel, dass ein solcher Schlag die Kampfkraft der Terrortruppe lähmen, im besten Fall sogar eine Kapitulation befördern könnte. Wahrscheinlich aber ist das nicht. Bislang jedenfalls hat die Hamas noch jeden von Israel getöteten Anführer schnell ersetzt.

Israels Armee fordert Zivilisten seit Tagen zur Flucht auf

Zur Vorbereitung der Bodenkämpfe hat die israelische Luftwaffe Chan Yunis in den vergangenen Tagen einem massiven Bombardement ausgesetzt. Am Dienstagnachmittag meldete die Armee, dass nun auch direkt am Boden, "im Herzen der Stadt", gekämpft werde. Es seien die härtesten Gefechte seit Beginn der Bodenoffensive Ende Oktober. Die Armee hatte die Zivilbevölkerung seit Tagen zur Flucht aufgefordert. Schutzzonen sind ausgewiesen, aber wo die Menschen wirklich sicher sind, weiß wohl niemand zu sagen.

Von Vertretern der UN sowie von Hilfsorganisationen wird deshalb die Kritik am militärischen Vorgehen Israels immer lauter, dem Angaben aus Gaza zufolge inzwischen fast 16 000 Palästinenser zum Opfer fielen. "Die Zahl der getöteten Zivilisten nimmt rapide zu", warnte Philippe Lazzarini, Generalkommissar des Palästinenserhilfswerks UNRWA. Die Evakuierungsanordnungen lösten "Panik, Angst und Unruhe" in der Bevölkerung aus.

Die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Mirjana Spoljaric Egger, sprach nach einem Besuch des Gazastreifens von einem nicht hinnehmbaren Level des menschlichen Leidens. UN-Generalsekretär António Guterres erneuerte seine Forderung nach einem "dauerhaften humanitären Waffenstillstand".

Über die Geiseln wird offiziell nicht mehr verhandelt

Stark beansprucht werden Israels Truppen auch weiterhin im Norden des Küstenstreifens. Hier konzentrieren sich die Kämpfe auf zwei Stadtteile von Gaza-Stadt, die als Hochburg der Hamas gelten. Gezielt werden von der Armee alle militärischen und sonstigen Einrichtungen zerstört, die für die Machtausübung der Hamas gestanden haben. Am Montag traf es das Hauptgerichtsgebäude in Gaza, das 2018 mit Geld aus Katar errichtet worden war. Vor drei Wochen schon war das Parlamentsgebäude gesprengt worden.

Neben solch symbolträchtigen Bauten zielt die Armee weiter auf die Zerstörung des Tunnelsystems der Hamas ab. Das Wall Street Journal berichtete nun unter Berufung auf Quellen in der US-Regierung von Plänen, die weitverzweigten Tunnelanlagen zu fluten, um die dort versteckten Hamas-Kämpfer an die Oberfläche zu zwingen. Fünf große Pumpanlagen für Meerwasser seien deshalb bereits aufgebaut worden. Doch noch sei keine Entscheidung getroffen worden - zum einen wegen unabsehbarer Folgen für die Umwelt, zum anderen wohl auch, weil in den Tunneln noch israelische Geiseln vermutet werden.

Nach starkem öffentlichem Druck empfing Premierminister Benjamin Netanjahu zusammen mit weiteren Mitgliedern seines Kriegskabinetts am Dienstag in Tel Aviv nach längerer Pause wieder die Angehörigen der immer noch in Gaza festgehaltenen mehr als 130 Geiseln.

Die Familien verlangen Antworten darauf, wie angesichts der eskalierenden Kämpfe die Entführten freikommen könnten. Offizielle Verhandlungen gibt es nicht mehr. Die Regierung setzt erklärtermaßen darauf, die Hamas mit militärischer Kraft zu einem neuen Austausch zu zwingen.

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