bedeckt München 14°

Gaza-Streifen:Des Tauchers Flucht

Ein hochrangiges militärisches Hamas-Mitglied ist anscheinend zu Israel übergelaufen. Mit im Gepäck: Ein Laptop mit Dokumenten. Die militante palästinensische Organisation hat immer wieder Probleme mit Spionen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Man kennt solche Szenen aus Agententhrillern oder auch aus der israelischen Netflix-Serie "Fauda": Ein enttarnter Spion ergreift eilends die Flucht, die Helfer warten schon, Spannung pur bis zum Schluss. So ungefähr könnte sich auch jener Vorfall zugetragen haben, über den erst arabische und dann auch israelische Medien mit leichtem Schaudern berichten. Ein Kommandeur der Kassam-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Hamas aus dem palästinensischen Gazastreifen, soll auf einem Boot der israelischen Armee das Weite gesucht haben. Zurückgelassen habe er dabei Familie und Freunde, heißt es. Mitgenommen aber habe er neben Geld auch noch einen Laptop mit geheimen Dokumenten aus den inneren Führungszirkeln. Für Israels Geheimdienste wäre eine solche Infiltration der hohen feindlichen Ränge ein gelungener Coup, für die Hamas ein Schlag ins Kontor.

Berichte aus diesem Milieu sind oft interessengeleitet und von reichlich Nebel umgeben. Doch der saudische Fernsehsender Al-Arabiya nennt auch den Namen des Überläufers. Mohamed Omar Abu Ajwa war demnach Kommandeur einer Eliteeinheit von Tauchern, die in dem abgeriegelten Küstenstreifen dafür ausgebildet werden, jenseits der Grenze in Israel an Land zu gehen und Anschläge auszuführen. Seit 2009 schon soll er aber mit Israel kollaboriert haben. Über den Zeitpunkt der Flucht gibt es keine genaueren Angaben.

Die Hamas hat immer wieder Probleme mit Spionen und Überläufern

Wie in solchen Fällen üblich kommt aus Israel keine offizielle Reaktion. Die Hamas veröffentlichte ein entschiedenes Dementi und warf dem TV-Sender vor, "Gerüchte zu verbreiten, die den Zielen der Besatzer dienen, um die Heimatfront in Gaza zu schwächen". Allerdings hatte die Hamas selbst vor rund zwei Wochen öffentlich kundgetan, man hätte eine von Israel gesteuerte Spionagezelle aufgedeckt, die Sabotageakte geplant hätte. Nun berichtet Al-Arabiya von 16 Festnahmen nach der Flucht des palästinensischen Kampftaucher-Kommandanten. Dabei seien große Mengen Geld und Spionageausrüstung sichergestellt worden. Die Hamas-Führung befinde sich angesichts der Vorfälle in einer "Sicherheitshysterie".

Mit Spionen und Kollaborateuren hat die Hamas seit jeher zu kämpfen. Es gehört zu den vorrangigen Aufgaben des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, in den Palästinensergebieten ein enges Netz von Informanten und Helfern zu knüpfen. Wenn sie enttarnt werden, nutzt die Hamas das oft, um ein Exempel zu statuieren mit der Verurteilung und nicht selten auch Hinrichtung der "Verräter". Prominentester Überläufer war der sogenannte Grüne Prinz, dessen Fall 2010 bekannt wurde. Der Sohn eines der Hamas-Gründerväter war von Israels Geheimdienst während eines Gefängnisaufenthalts umgedreht worden. Während der zweiten Intifada verriet er zahlreiche Anschlagspläne und legte die Spur aus für Verhaftungen. Nach seiner Flucht lebt er heute in den USA. Seine Geschichte ist auch verfilmt worden - nicht als Thriller allerdings, sondern als Dokumentation.

© SZ vom 14.07.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema