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Nahostkonflikt:Warum Israel gezielt ein Medienhochhaus in Gaza zerstörte

"Die Welt wird weniger erfahren, was in Gaza passiert": Israels Luftwaffe legte den Jalaa-Turm in Schutt und Asche, wo unter anderem AP und Al Jazeera ihre Büros hatten.

(Foto: Mahmud Hams/AFP)

Die israelische Armee verteidigt den Angriff damit, dass die radikalislamische Hamas in dem Gebäude über "militärische Ressourcen" verfügt habe.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Eine Stunde vor dem Angriff erhielt der Palästinenser Dschauwad Mahdi einen Anruf von einem Mann, der sich als israelischer Geheimdienstoffizier vorstellte. "Er forderte mich auf sicherzustellen, dass das Gebäude innerhalb von einer Stunde geräumt wird." Mehdi bat nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP vergeblich um etwas mehr Zeit, damit die Journalisten ihre Ausrüstung zusammensuchen und mitnehmen könnten, bevor sie das Haus verlassen. In dem als Al-Jalaa-Turm bekannten Gebäude in Gaza-Stadt waren neben Appartements auch Büros der US-Nachrichtenagentur AP und des Senders Al Jazeera untergebracht.

Die Warnung nahm er ernst, ging in dem aus zwölf Stockwerken bestehenden Gebäude in jede Etage und rief den Menschen zu, sich rasch in Sicherheit zu bringen. Die Journalisten rafften so viel wie möglich von ihrer Ausrüstung zusammen und rannten ins Freie. Von dort konnten sie live miterleben, wie sich ihr Arbeitsplatz in Schutt und Asche verwandelte.

Wael Al-Dahdouh, der Büroleiter des Senders im Gazastreifen, bezichtigte Israel, "nicht nur Tod und Zerstörung über Gaza zu bringen, sondern auch jene zum Schweigen bringen zu wollen, die darüber berichten". Auch der Präsident der Nachrichtenagentur AP, Gary Pruitt, zeigte sich in einer in New York veröffentlichten Erklärung entsetzt über den Angriff. "Die Welt wird weniger erfahren, was in Gaza passiert."

Denn in diesem Gebäude hatten sich Journalisten aus aller Welt eingemietet, wenn sie aus dem Gazastreifen berichteten. Von hier wurden Bilder aus dem abgeschotteten Küstenstreifen in die Welt gesendet. Auf dem Dach des Al-Jalaa-Turmes hatten etwa während des Gazakriegs 2014 TV-Journalisten ihre Positionen für Liveschaltungen. Diesmal hatte Israel den Grenzübergang Erez für Journalisten kurz nach Beginn der Eskalation geschlossen, sodass nur noch bereits dort postierte Medienvertreter aus Gaza berichten können. Es können auch keine Ersatzgeräte für die zerstörte Ausrüstung dorthin gebracht werden.

Der UN-Generalsekretär spricht von Völkerrechtsbruch

Die israelische Armee verteidigte den Angriff damit, dass die radikalislamische Hamas in dem Gebäude über "militärische Ressourcen" verfügt habe. Die Hamas positioniere sich absichtlich im Herzen dicht besiedelter Wohngebiete. Diese Darstellung bezweifelt jedoch der Journalistenverband Foreign Press Association (FPA), dem 480 Korrespondenten angehören, die aus Israel und den palästinensischen Gebieten berichten. "Wir stellen fest, dass Israel keine Beweise vorgelegt hat, um seine Behauptung zu untermauern, dass das Gebäude von der Hamas genutzt wurde", erklärte der Verband.

Auch UN-Generalsekretär António Guterres erinnerte daran, dass "ein Angriff auf zivile und Medien-Strukturen gegen das Völkerrecht verstößt und um jeden Preis vermieden werden muss". Das Weiße Haus schaltete sich ein. "Wir haben den Israelis direkt gesagt, dass die Gewährleistung der Sicherheit und des Schutzes von Journalisten und unabhängigen Medien eine vorrangige Pflicht ist", sagte die Sprecherin, Jen Psaki. Die Nachrichtenagentur AP hat für ihre Kollegen im Gazastreifen Ersatzquartiere organisiert: "Wir machen weiter", versicherte AP-Präsident Pruitt.

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