Die Fotos aus Gaza sind schwer zu ertragen. Derzeit kursieren in den Nachrichten und sozialen Netzwerken mehrere Motive, die man so schnell nicht wieder vergisst: Eine Menge verzweifelter Menschen hinter einer Absperrung, in den Händen leere Töpfe und Schüsseln, offenbar um Nahrung bettelnd. Eine Mutter, die ihr abgemagertes Kind auf dem Arm hält. Man erkennt die Rippen und die Wirbelsäule durch die Haut des Kindes. Als Windel trägt es eine Mülltüte. Und immer wieder Menschen, die sich voller Trauer über weiße Säcke beugen, unter deren Stoff man die Umrisse von Menschen erahnen kann.

Berichterstattung aus Gaza:Von Bildern und Trugbildern
Kann man den Fotos aus Gaza wirklich nicht mehr trauen? Eine Annäherung an die Realitäten des Bildjournalismus.
Am Wochenende veröffentlichte die Hamas selbst ein Video, das eine der israelischen Geiseln zeigt, die von den Terroristen seit fast zwei Jahren gefangen gehalten werden. Es zeigt den 24 Jahre alten Evjatar David völlig abgemagert, wie er in einem der Tunnel, in denen die Hamas viele der Geiseln gefangen halten soll, eine flache Grube aushebt. Sein eigenes Grab, wie er sagt. Es gäbe kein Essen, nur manchmal ein paar Linsen oder Bohnen. Womöglich möchte die Terrororganisation mit dem Video die Botschaft senden: Auch die Geiseln leiden unter dem Hunger in Gaza.

Die Wucht der Bilder erreichte auch Präsident Trump
Sich der Wucht und Macht dieser Bilder zu entziehen, ist kaum möglich. So allgegenwärtig sind sie und so stark wirken sie. Das merkt man schon an den politischen Reaktionen der vergangenen Tage. Sogar US-Präsident Donald Trump, eigentlich einer der größten Unterstützer Israels und des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, kommentierte: „Diese Kinder sehen sehr hungrig aus.“ In Gaza gebe es „echten Hunger“, sagte er weiter, und er habe Israel geraten, dass sie manches vielleicht anders machen sollten. Der israelischen Armee wird vorgeworfen, mit ihrer Blockade des Gazastreifens die Versorgung mit Lebensmitteln zu behindern. Netanjahu hatte zuvor abgestritten, dass die Menschen in Gaza Hunger leiden.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz und der jordanische König Abdullah II. haben vergangene Woche aus der Luft Hilfsgüter über Gaza abwerfen lassen. „Kanzler Merz und seine schwarz-rote Koalition spüren, dass auch hierzulande die Stimmung kippt“, heißt es auf Tagesschau.de. „Die Bilder aus Gaza sorgen auch bei den Freunden Israels mittlerweile für Empörung.“ Die Vereinten Nationen warnten vor wenigen Tagen vor einer drohenden Hungersnot in Gaza, unter anderem mit Videos in sozialen Netzwerken und einem Bericht, und zeigten dazu ebenfalls die Bilder von offenbar hungernden Kindern.

Ausgerechnet in diese empörte Stimmung kam dann die Meldung, die Kinder auf manchen der Bilder aus Gaza, auf die sich Politiker und Hilfsorganisationen berufen, würden nicht oder nicht nur wegen fehlender Nahrung so abgemagert aussehen. Sondern unter Umständen auch aufgrund von Krankheiten, die aber bei der Verbreitung der Bilder verschwiegen wurden. So leide der Junge auf dem Arm seiner Mutter, dessen Bild auch die SZ veröffentlichte, an Zerebralparese, einer neurologischen Erkrankung, die sein Aussehen mit erkläre. Und das Bild eines anderen, äußerst abgemagerten Jungen, zeige das Kind gar nicht in Gaza. Der Junge habe eine genetische Vorerkrankung und befindet sich seit Mitte Juni zur Behandlung in Italien, berichten israelische Medien unter Berufung auf örtliche Behörden, die bei der Ausreise des Jungen und seiner Familie geholfen hätten.
„Manipulationsversuche mit Hilfe von professionell erstellten Pressefotos“
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warnte unter anderem wegen dieser Fälle vor „Manipulationsversuchen mit Hilfe von professionell erstellten Pressefotos“. Der DJV-Vorsitzende Mika Beuster schrieb: „Kriegsparteien aller Seiten, in- und ausländische Meinungsmedien sowie Geheimdienste nutzen wie noch nie die Macht von Bildern, um die öffentliche Meinung zu steuern.“
Es besteht kaum ein Zweifel, dass in Gaza mindestens die Gefahr einer Hungersnot besteht. Mehr als hundert Humanitäre Organisationen warnten vor einer „Massenhungersnot“ im Gazastreifen, das Welternährungsprogramm (WFP) kritisierte die vor wenigen Tagen angelaufenen Hilfslieferungen als unzureichend, sie reichten bei Weitem nicht aus, um eine Hungersnot abzuwehren. „Der Hunger existiert und es ist klar, wer ihn verursacht hat“, sagt auch Christopher Resch, der Sprecher von Reporter ohne Grenzen für den Nahen Osten. „Auslöser waren der Angriff vom 7. Oktober und der Terror der Hamas, das darf man nicht vergessen. Aber es liegt eben auch an der Kriegsführung der israelischen Armee.“
Ebenso wahr ist, dass diese Bilder aus Gaza exakt das zeigen, was sich die Hamas wünscht: eine Zivilbevölkerung, die unter der Kriegsführung Israels leidet. Wenn nun aber bekannt ist, dass manche dieser Bilder mindestens in einen falschen oder irreführenden Kontext gestellt wurden: Kann man Bildern aus Gaza dann gar nicht mehr trauen – oder sich gar bei politischen Entscheidungen auf sie berufen?
„Das sind keine Fakes. Aber die Menschen werden in einer bestimmten Art und Weise präsentiert.“
„Ich gehe davon aus, dass viele dieser Bilder mit hungernden und kranken Kindern schlichtweg Inszenierung sind oder aus anderen Zusammenhängen stammen“, sagt Gerhard Paul, emeritierter Professor für Geschichte und Experte für Fotografie, der seit 25 Jahren zu den Bildern aus Israel und Gaza forscht und die Region selbst bereist hat. „Das sind keine Fakes“, sagt er. „Aber die Menschen werden in einer bestimmten Art und Weise präsentiert oder mit einer verfälschenden Bildunterschrift versehen, um unser Bildgedächtnis und unsere Emotionen zu mobilisieren.“
Dass diese Bilder nicht alle authentische Schnappschüsse sind, lässt sich manches Mal anhand bestimmter Kriterien feststellen, zum Beispiel: Ist eine Szenerie besonders aufwendig ausgeleuchtet? Wirkt eine Situation inszeniert, posieren die Menschen? Bei manchen Bildern ist das erst bei genauerer Analyse zu erkennen.
Mit seinen Studenten hat Paul an der Universität Flensburg zum Beispiel einmal die Szenen aus Bildern verschiedener Kriege dreidimensional nachgebildet, um die dargestellte Situation zu verstehen, die sich aus dem zweidimensionalen Bild oft nicht ohne Weiteres nachvollziehen lässt. „Wo steht der Fotograf? Wer steht um ihn herum?“ fragt er. „Was sehen die Menschen, die auf dem Bild abgebildet sind? Sehen sie das, was wir vermuten, zum Beispiel eine Essensausgabe? Oder stehen sie einer Front von Fotografen gegenüber?“
„Die Hamas ist ein Meister im Inszenieren von Bildern.“
Tatsächlich gibt es Fotos von Menschen mit leeren Töpfen in Gaza, die zeigen, dass sie nicht vor einer Essensausgabe, sondern vor einem Fotografen stehen. „Der palästinensischen Seite geht es vor allem um eine Emotionalisierung der westlichen, pazifizierten Gesellschaften. Und das funktioniert hervorragend“, sagt Paul. „Die Bilder haben außerdem eine zusätzliche Funktion: Sie sollen die brutalen Bilder vom Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 überschreiben. An diese Bilder erinnern sich viele schon gar nicht mehr. Die Hamas ist ein Meister im Inszenieren von Bildern.“
Aber nicht jeder, der in Gaza ein Foto macht und es anschließend verbreitet, steht in den Diensten der Hamas. Christopher Resch von Reporter ohne Grenzen ist es wichtig, das zu betonen. „Es entsteht sonst leicht der Eindruck, das sei Propaganda oder eine bewusste Fälschung. Und das hat Folgen“, sagt er. „In der öffentlichen Wahrnehmung rücken diese Fotografen dann schon in die Nähe von Kombattanten. Das ist brutal gefährlich. Wenn ein Name einmal im Umlauf ist deshalb, bekommen diese Leute Morddrohungen im Sekundentakt.“

Historiker Paul und Journalist Resch weisen beide darauf hin, dass es Fotografen und Journalisten im Gazastreifen ohnehin nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sei, unabhängig zu recherchieren und dokumentieren. „Außerdem wird von der israelischen Regierung seit dem 7. Oktober versucht, die Glaubwürdigkeit von Journalisten und Fotografen in Zweifel zu ziehen“, sagt Resch.
„Das ist, wie viele Fotografen weltweit arbeiten. Es geht natürlich immer um die Wirkung.“
Auch vor dem Krieg sei es nicht denkbar gewesen, als Journalist in Gaza die Hamas direkt zu kritisieren. „Aber bis zu einem gewissen Teil war eine unbeeinflusste journalistische Arbeit möglich.“ Wie die Lage heute ist, kann Resch nur schwer sagen. Die Mitarbeiter von Reporter ohne Grenzen sind nicht mehr vor Ort. „Aber es ist wohl immer noch so, dass wenig an der Hamas vorbeigeht“, sagt Resch. Das sieht auch Paul so: „Im Süden, wo die Hamas noch Einfluss hat, muss man davon ausgehen, dass sie die Bildproduktion zu 100 Prozent kontrolliert.“ Und im Norden, wo Israel Gebiete besetzt hat, kontrolliert die Armee, welche Bilder von dort nach außen dringen. Journalisten haben dort nach wie vor keinen Zutritt, und wenn doch eine Ausnahme gemacht wird, dann unter strenger Überwachung durch die Armee. Die Fotografen und Journalisten bekommen nur zu sehen, was sie sehen sollen.
Wie also umgehen mit den Bildern, die uns aus Gaza erreichen? Zum Beispiel den Bildern der abgemagerten Jungen, die an schweren Krankheiten leiden, ohne dass dies klar kommuniziert wurde? „Zu dem Bild hätte mehr Kontext mitgeliefert werden müssen“, sagt Resch. „Aber das macht die Situation keinen Deut besser“, denn es ändere nichts daran, dass Menschen in Gaza aktuell hungern. Resch sieht auch in den Inszenierungen mancher Bilder kein großes Problem. „Das ist, wie viele Fotografen weltweit arbeiten. Es geht natürlich immer um die Wirkung“, sagt er. „Ich finde es nicht grundsätzlich verwerflich, wenn ein Fotograf den Leuten ein paar Anweisungen gibt. Solange das Foto möglichst nahe die Wirklichkeit beschreibt.“
Fotografieexperte Paul ist den Bildern aus Gaza gegenüber dennoch sehr skeptisch. Er plädiert grundsätzlich für mehr begleitenden Text sowie eine klare Nennung von Quellen und mehr Transparenz bei Unsicherheiten in der Berichterstattung. Er selbst sieht sich diese Bilder oft gar nicht mehr an. „Ich kann mir vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Mensch verhungert“, sagt der Historiker. „Ich brauche dazu das Bild nicht. Dabei geht es nur um Emotionalisierung.“ Genau das wollen die Kriegsparteien, wie auch der DJV warnt.
Bilder transportieren Informationen und verursachen Emotionen. Sie können aufrütteln und einen Sachverhalt unmissverständlich klarmachen oder etwas eindeutig beweisen. Sie können aber genauso vereinfachen, in die Irre führen und verschleiern. Im Krieg wird diese Macht der Bilder oft gezielt eingesetzt, um der Gegenseite zu schaden oder um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Nicht jedes Bild zeigt, was es zu zeigen behauptet. Aber nicht alle Bilder sind deshalb eine Lüge.
Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes haben wir eine Aussage unseres Gesprächspartners Christopher Resch unpräzise wiedergegeben. Wir haben das Zitat nachträglich korrigiert.

