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Gaza:Gefangen in der fremden Heimat

Der IT-Techniker Ahmed Tubail, hier mit seiner 82 Jahre alten Mutter, lebt seit 30 Jahren in Deutschland.

(Foto: Privat)

Ahmed Tubail besucht seine Mutter im abgeriegelten Gazastreifen. Nun sitzt er seit 18 Wochen fest - obwohl er einen deutschen Pass hat.

Die Mutter ist alt, und krank ist sie auch. "Die Leber, die Nieren, Wasser im Bauch", sagt Ahmed Tubail, "und sie ist schon 82." Als es plötzlich sehr schlecht um sie stand, war klar, was er zu tun hatte: Er nahm sich Urlaub an der Uni in Kassel, wo er als IT-Techniker arbeitet, und kaufte sich ein Flugticket nach Amman, Hin- und Rückflug. Am Flughafen traf er seine Schwester, die aus Kanada herbeigeeilt war, sie setzten sich in Jordanien ins Taxi, überquerten noch zwei Grenzen, und nach drei Tagen waren sie bei der kranken Mutter. Das war Mitte März. Der Rückflug ist inzwischen längst verfallen. Denn für Ahmed Tubail, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt und seit fast 20 Jahren einen deutschen Pass besitzt, ist plötzlich jeder Weg nach Hause versperrt. Er ist gefangen in Gaza.

Seit ihm der Heimweg versperrt ist, fühlt sich Tubail als Deutscher zweiter Klasse

Es ist ein Fall voller politischer Fallstricke und bürokratischer Hürden. Vor allem aber ist es für den 49-Jährigen eine nervenzehrende Leidensgeschichte, gespickt mit Enttäuschungen, Verzweiflung und wachsender Wut. Für Ahmed Tubail ist die Reise zur kranken Mutter zu einem Horrortrip geworden, weil der übervölkerte und kriegsverwüstete Gazastreifen von Israel und von Ägypten mit einer Blockade belegt wird. Alle Grenzübergänge sind dicht. Wenn man Glück hat, kommt man, wie in seinem Fall, mit einer Sondergenehmigung aus humanitären Gründen hinein. Doch keiner kann ihm sagen, wie und wann er nun wieder rauskommt.

Das Leben steht still, und zu Hause warten seine Frau und zwei Kinder. Eine Unterstützergruppe hat sich gebildet aus Freunden, Kollegen und Kirchenmitgliedern. Unzählige Mails und Briefe wurden versandt an die deutschen Botschaften und Vertretungen ringsum, auch an Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Aber nichts hat sich bewegt. Ahmed Tubail zählt derweil die Tage und die Wochen. "Jetzt bin ich hier in der 18. Woche", sagt er, "da fühlt man sich schon im Stich gelassen von den deutschen Behörden."

Den deutschen Behörden allerdings sind solche Fälle aus dem Gazastreifen nicht neu. "Zurzeit liegen den Vertretungsbüros die Ausreisewünsche von ca. 90 deutschen Staatsangehörigen bzw. deren Familienmitgliedern vor", heißt es in einer Mail an Tubails Ehefrau. Immer wieder geraten deutsche Staatsbürger mit palästinensischen Wurzeln bei einem Heimatbesuch in die gleiche Falle. Mit ihrem deutschen Pass reisen sie problemlos nach Jordanien ein. Doch wenn sie von dort aus weiter in die Palästinensergebiete wollen, bestehen die Jordanier ebenso wie die Israelis darauf, dass sie dazu palästinensische Papiere benutzen. Bei der Ausreise sind sie dann der Willkür israelischer wie jordanischer Behörden ausgeliefert, die auf dem Rücken dieser Reisenden ihren Konflikt mit der in Gaza herrschenden Hamas austragen.

Bei der Reisewarnung für den Gazastreifen weist das Auswärtige Amt auf das Problem hin. "Die zuständigen deutschen Auslandsvertretungen können im Gazastreifen und in den dazugehörigen Küstengewässern praktisch keine konsularische Hilfe leisten. Gleiches gilt für die Ausreise aus dem Gazastreifen", heißt es dort. In Mails an Tubail und seine Frau wird betont, dass man auf "das Goodwill der jordanischen Behörden angewiesen" sei oder "dass das Vertretungsbüro in Ramallah keinen Einfluss auf die Entscheidung der israelischen Behörden nehmen kann".

Dass im Fall Tubail zu wenig getan wird, weist das Außenministerium zurück. Auf Anfrage der SZ versichert ein Sprecher, "wir setzen uns für die zügige Ausreise des Betroffenen ein". Dazu gehöre auch "Unterstützung gegenüber den Behörden in den Gastländern, um die Ausreise zu beschleunigen".

Daran aber will Ahmed Tubail in der 18. Woche nicht mehr glauben. Er kennt die Reisewarnung, doch was sollte er tun, als es um die kranke Mutter ging und die vielleicht letzte Möglichkeit, sie zu sehen? Ein Hasardeur ist er gewiss nicht, er ist ein organisierter, umsichtiger Mann. Fast wie ein deutscher Beamter hat er die Daten und Fakten zu seinem Fall in einer "Gaza-Chronologie" zusammengefasst, die umfänglichen Mailwechsel sind in einem eigenen Datenordner gespeichert. Er klagt darüber, zu oft vertröstet, im Dunkeln gelassen, missachtet worden zu sein. Zu Hause in Deutschland fühlt er sich gut integriert. Hier fühlt er sich als Deutscher zweiter Klasse. "Wenn ich Müller heißen würde, dann wäre ich hier am nächsten Tag weg", sagt er. "An die Machtlosigkeit der deutschen Behörden glaube ich nicht."

Gaza ist für ihn "ein Gefängnis, Guantanamo in Groß."

Es ist wohl auch Verzweiflung, die in der Wut ein Ventil sucht. Es ist aber auch das Unverständnis darüber, dass er noch immer in Gaza festsitzt, während seine Schwester längst wieder zu Hause in Kanada ist. "Sie ist am 24. Mai ausgereist", sagt er, "die Kanadier haben das also hingekriegt." Ahmed Tubail aber verliert langsam seinen Glauben daran, dass ihm die deutschen Behörden helfen werden, über Israel auszureisen. Er hofft nun darauf, dass irgendwann wenigstens für ein paar Tage die Grenze nach Ägypten aufgeht. Gerüchte darüber gibt es immer wieder, und es gibt im Gazastreifen auch Leute mit Beziehungen, die ihm vielleicht helfen könnten, natürlich gegen Geld. 2000 Dollar, hat er gehört, würde die Ausreise kosten.

Ob und wann das klappen könnte, steht allerdings auch in den Sternen. Jeden Morgen versucht er, mit Hoffnung aufzustehen, jeden Abend geht er enttäuscht ins Bett. Gaza ist für ihn "ein Gefängnis, Guantanamo in Groß." Nach 30 Jahren in Deutschland ist ihm die alte Heimat fremd geworden, auch wenn er immer wieder mal dort war in den Zeiten, als die Reise noch leichter möglich war. "Ich verstehe die Menschen hier nicht mehr, sie tun so, als würden sie leben", sagt er und zitiert Hannah Arendt: "Die Stunden verrinnen. Die Tage vergehen. Es bleibt ein Gewinnen: Das bloße Bestehen." Das hat er neulich gelesen und gedacht: "Das könnte sie eins zu eins für die Leute in Gaza geschrieben haben."

Wenn nichts vorwärts geht, dreht sich die Zeit im Kreis. Er surft im Internet, wenn es Strom gibt und ein stabile Leitung. Wenn es dunkel wird und kühler, läuft er ein paar Runden. "14 Kilo habe ich abgenommen seit der Ankunft, das ist noch das Beste", sagt er. Geschuldet ist das aber nicht nur dem Sport, sondern auch einem frischen Magengeschwür: "Das kommt vom Druck, hat der Arzt gemeint." Fast jeden Tag spricht er über Skype oder Whatsapp mit der Familie in Deutschland. "Ich versuche, mir möglichst wenig anmerken zu lassen, ich lache und sage, das wird gut, ich komme raus", erzählt er. "Doch irgendwann ist man am Ende, dann kommen die Tränen.

Und dann ist da noch seine Mutter. Als er mit der Schwester im März ankam, hat der Besuch ihren Zustand sofort verbessert. "Wenn man sie heute sieht, könnte man denken, sie hat ein neues Leben bekommen", sagt Ahmed Tubail. "Aber nun macht sie sich Vorwürfe, dass sie schuld ist an dem Dilemma, in dem wir stecken. Jeden Tag fragt sie: Wann fährst du wieder zurück zu deinen Kindern?" Eine Antwort darauf hat er nicht. Doch er hält sich bereit, in jeder Minute. In Gaza hat er sich ein paar Klamotten gekauft, die er nun trägt. Alles andere, einschließlich der Geschenke für die Familie zu Hause, ist bereits im Koffer verstaut, der seit Wochen fertig gepackt im Zimmer steht. Für den Fall, dass es plötzlich ganz schnell geht.