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Gaza:Furcht vor Eskalation in Nahost

Israelische Soldaten feuern von ihrer Position entlang der Grenze in Richtung Gazastreifen.

(Foto: MENAHEM KAHANA/AFP)

Während der Konflikt im Gazastreifen andauert, gerät Israel auch von Libanon aus unter Beschuss. Internationale Vermittler machen sich Sorgen um eine Ausweitung des Konflikts.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Ungeachtet aller internationalen Bemühungen um eine Waffenruhe haben Israelis und Palästinenser ihre Kämpfe fortgesetzt. Nach einer mehrstündigen Pause, die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Gewalt genährt hatte, nahm die Hamas am Dienstagnachmittag das Raketen- und Granatenfeuer wieder mit Wucht auf. Auf israelischer Seite wurden dabei zwei thailändische Gastarbeiter getötet.

Die israelische Luftwaffe bombardierte erneut den Gazastreifen. Häuser mehrerer Hamas-Kämpfer, die als Kommandozentren oder Waffenlager genutzt gedient hätten, seien zerstört worden, erklärte das israelische Militär. Am frühen Mittwoch beschoss die israelische Artillerie auch Ziele im südlichen Gazastreifen, wie Augenzeugen berichteten. Militante Palästinenser feuerten Raketen auf die Städte Aschdod, Aschkelon und Beerscheba ab, Tausende Menschen suchten dort in Luftschutzkellern Zuflucht.

Zusammenstöße flammten auch im besetzten Westjordanland auf, wo nach Angaben des Militärs israelische Streitkräfte einen Palästinenser erschossen, der sie mit einem Gewehr und improvisiertem Sprengstoff angreifen wollte. Ein weiterer Palästinenser wurde von israelischen Streitkräften bei einer Demonstration im Westjordanland getötet, wie das Gesundheitsministerium mitteilte. Das Militär erklärte, die Soldaten seien unter Beschuss geraten und hätten zurückgeschossen.

Die internationale Gemeinschaft müsse verstehen, dass die Gegenseite mit der Gewalt begonnen habe und nun "einen Preis bezahlen" müsse, erklärte Israels Verteidigungsminister Benny Gantz.

Gantz kündigte an, dass die israelische Armee noch Tausende potenzielle Angriffsziele habe. "Keine Person, kein Gebiet in Gaza ist immun", sagt er. Die Kämpfe würden erst enden, wenn eine vollständige und langfristige Ruhe gesichert sei. Bei ihren Angriffen konzentrierte sich die Luftwaffe zuletzt auf das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas. Insgesamt sollen Meldungen der Armee zufolge schon mehr als hundert Kilometer dieses unterirdischen Netzwerks zerstört worden sein, das als Rückzugsort und Kommandozentrale dient.

Im Visier der israelischen Armee sind weiterhin die Kommandeure der militanten Palästinensergruppen. Als Erfolg wurde die Tötung des für den nördlichen Gazastreifen zuständigen Militärchefs des Islamischen Dschihads vermeldet. Insgesamt spricht die Armee von bislang etwa 160getöteten palästinensischen Kämpfern. Nach Angaben aus Gaza sollen dagegen fast die Hälfte der etwas mehr als 200 Toten Frauen und Kinder sein.

Die Hamas, die binnen einer Woche bereits mehr als 3300 Raketen auf Israel abgefeuert hat, nahm neben israelischen Gemeinden im Grenzgebiet auch wieder weiter entfernt liegende Städte wie Beerscheba unter Feuer. Zwei Grenzübergänge zum Gazastreifen, die kurzzeitig geöffnet waren, um Benzin und humanitäre Hilfsgüter in das umkämpfte Gebiet zu bringen, gerieten israelischen Berichten zufolge ebenfalls unter Beschuss.

Unterdessen drohen sich auch noch andere Fronten aufzuheizen. Aus Libanon wurden in der Nacht zum Dienstag sechs Raketen in Richtung Israel abgefeuert, die allerdings keine Schäden anrichteten. Im Grenzgebiet zu Jordanien zerstörte die israelische Armee eine Drohne unbekannter Herkunft. Im palästinensischen Westjordanland rief Präsident Mahmud Abbas zu einem "Tag des Zorns" mit Demonstrationen gegen Israel auf.

Die internationalen Vermittler befinden sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Mit jedem Tag der Kämpfe wächst die Gefahr, dass der Konflikt außer Kontrolle gerät. US-Präsident Joe Biden telefonierte deshalb bereits zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu und erklärte dabei seine "Unterstützung für eine Waffenruhe". Im diplomatischen Jargon gilt dies noch nicht als nachdrückliche Forderung. Biden mahnte Netanjahu zugleich zum "Schutz unschuldiger Zivilisten". Die Amerikaner koordinieren ihre Friedensbemühungen inzwischen auch mit Ägypten und der EU, deren Außenminister am Dienstag zu einer Video-Sondersitzung zum Nahostkonflikt zusammenkamen. Eine gemeinsame Erklärung wurde von Ungarn blockiert.

© SZ
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