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Gauland-Äußerung:Die rhetorischen Spielchen der AfD

Treffen AfD und Zentralrat der Muslime in Deutschland

Petry spricht, alle hören zu. Die AfD-Vorsitzende wendet sich nach einem Treffen mit dem Zentralrat der Muslime an die Presse.

(Foto: dpa)
  • Durch die aktuelle Diskussion über den schwarzen Nationalspieler Jérôme Boateng hat die AfD es wieder geschafft, fremdenfeindliche Äußerungen zu platzieren.
  • Die öffentliche Empörung ist kalkuliert - und funktioniert immer wieder.
  • Wie mit Sprache Politik gemacht wird, zeigen verschiedene theoretische Ansätze.

Hat er nun, oder hat er nicht? Derzeit beschäftigt sich die ganze Republik mit der Frage, ob AfD-Vize Alexander Gauland in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Namen eines schwarzen Fußballers nannte, ob er wirklich diesen Satz sagte, der für neuen Erregungsstoff sorgt: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben." Gauland stritt zunächst ab, Jérôme Boateng beleidigt zu haben. Später erklärte er lediglich, er wisse nicht mehr, wer den Namen des Nationalspielers ins Spiel brachte.

Die FAS fand sich schließlich in einer Glaubwürdigkeitsdebatte wieder und dröselte das Zustandekommen des Interviews in einem weiteren Artikel auf. Die Redakteure, die das Interview führten, bürgen für die Echtheit des Zitates. Dass es keine Tonaufnahmen von dem Interview mit Gauland, sondern nur handschriftliche Notizen gibt, finden viele AfD-Anhänger fragwürdig.

Die Empörung ist einkalkuliert

Wer hat recht - und wer nicht? Die Antwort auf diese Frage ist egal. Auch wenn AfD-Chefin Frauke Petry sich jetzt zum Fan von Boateng erklärt, um sich damit scheinbar von Gauland zu distanzieren. Sieger dieses Scharmützels ist schon jetzt die AfD. Wieder hat sie es geschafft, fremdenfeindliche Äußerungen zu platzieren, die sich dank der öffentlichen Erregung weiter verbreiten.

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Der jüngste Vorfall ist für den Rechtsextremismusforscher Alexander Häusler Teil einer gezielten Strategie der Partei. Gauland habe bewusst an der "rechtspopulistischen Eskalationsschraube" gedreht, um so in die Schlagzeilen zu kommen. Und auch Hans Hütt, der sich seit Jahren mit politischer Rhetorik beschäftigt, sagt: Die öffentliche Empörung sei immer mit einkalkuliert. "Die AfD betreibt eine parasitäre Art der Kommunikation - sie nistet sich ein in die öffentliche Diskussion und profitiert davon", so Hütt.

Mittlerweile im Wochenrythmus schafft es die AfD Diskussionen loszutreten. Als Mitglieder der Partei erklärten, der Islam sei verfassungsfeindlich, beschäftigte sich ganz Deutschland damit, ob das so sei oder nicht. Zuvor forderten die Vorsitzende Petry und ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch, an der Grenze "notfalls" auf Flüchtlinge zu schießen.

Die Linguistin Elisabeth Wehling beschäftigt sich mit der Frage, wie Sprache politisches Denken beeinflusst. Sie geht davon aus, dass politisches Denken keinesfalls bewusst rational und objektiv funktioniert, sondern durch sogenannte Frames bestimmt wird, also ideologische Vorstellungen, die wiederum durch Sprache gefestigt werden. Wenn Politiker beispielsweise in der Flüchtlingsfrage immer wieder über Obergrenzen diskutieren, suggerieren sie, dass nicht genügend Platz sei. "Bei der Untergrenze wird eine andere Frage mitgedacht, nämlich: Wie viele Menschen müssen wir mindestens aufnehmen, um unserer humanitären Verpflichtung nachzukommen?", so Wehling.

Es geht also auch häufig darum, was nicht ausgesprochen wird - aber gemeint ist. In der Causa Gauland steht Boateng für den Schwarzen, den angeblich keiner als Nachbarn will. Gauland sprach nicht explizit davon, dass er keinen Schwarzen als Nachbarn haben wolle, sondern bezieht sich auf "die Leute". Er spricht also nur aus, was die anderen denken, so die Botschaft, die auf diese Weise sogar einen objektiven Anstrich bekommt.

Die diffuse Wut der AfD

Dieses Vorgehen ist kein Alleinstellungsmerkmal der AfD. Andere Parteien haben schon vor Gründung der rechtspopulistischen Partei erkannt, wie sich mit Sprache Politik machen lässt. Politikern, die Interviews geben, ist es wichtig, eigene Themen zu setzen, unabhängig davon, ob es im Gespräch darum gehen soll. Dabei hilft ihnen die Provokation. Knaller-Zitate sind nicht selten reiflich durchdacht. 2005 verglich der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Finanzinvestoren in einem Interview mit "Heuschrecken". Die Metapher war bereits in zwei SPD-Publikationen aufgetaucht, doch erst durch das Gespräch mit einem Journalisten trat Müntefering eine öffentliche Debatte los.

Fünf Jahre später tobte eine Debatte um Guido Westerwelles Aussagen über Hartz-IV-Empfänger. "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern", schrieb der damalige Außenminister in einem Zeitungsbeitrag.

Die Methoden mögen sich ähneln. Was die AfD jedoch von einem Müntefering und einem Westerwelle unterscheidet, ist die diffuse Wut, mit der sie scheinbar wahllos auf Bevölkerungsgruppen sowie Parteien losgeht und die Bevölkerung damit anstachelt. Oft geht es gar nicht um ein ernstzunehmendes politisches Ziel, sondern vielmehr um die Empörung an sich - die der Partei nutzt. Eine Eigenschaft, die sie mit anderen populistischen Politikern gemein hat. Wie weit das gehen kann, zeigt das Beispiel Donald Trump. "Er kann Unsinn reden und es ist den Menschen völlig egal", sagt der Rhetorik-Experte Hütt. Der Wahrheitsgehalt spielt also keinerlei Rolle mehr. Ein großes Problem. Eine Auseinandersetzung mit den Inhalten wird dadurch nahezu unmöglich.

Dazu kommen die Dementi. Ist ein Zitat in der Welt, heißt es seitens der AfD immer wieder: War alles nicht so gemeint. "Das ist Teil des Spiels" sagt der Rhetorik-Experte Hütt. Einerseits ginge es darum, die Gegner als unglaubwürdig hinzustellen. Andererseits verlängere sich dadurch die Debatte.

Wie also umgehen mit einer Partei, die gezielt auf die Erregung setzt und dadurch viel größer wird als sie tatsächlich ist? Die AfD sitzt in acht Landtagen, aber nicht im Bundestag. Trotzdem schaffte sie es, mit Gaulands Entleisung Nachrichten zu produzieren, die in der Tagesschau an erster Stelle verlesen wurden - erst viel später ging es um den Tod Hunderter Flüchtlinge im Mittelmeer. Der Skandal schafft Asymmetrien in der Berichterstattung. Die Wirkung: Gauland ist wichtiger als der Tod notleidender Menschen.

Auch Distanzierung von den Aussagen der AfD-Politiker birgt Gefahren, wie die Linguistin Elisabeth Wehling am Beispiel der Diskussion zum Schießbefehl zeigt: "Ganze Talkshows lang wird darüber gesprochen, warum man an den Grenzen natürlich nicht auf Flüchtlinge schießen darf. Was passiert beim Zuschauer? Es wird permanent die Frage aktiviert: Sollen wir an den Grenzen schießen?" Alternativen würden dadurch ausgeblendet.

Wehling ist der Meinung, dass derzeit alle Parteien der AfD in die Hände spielten, weil es ständig nur darum gehe, was die Partei will und was nicht. Hans Hütt spricht sich deswegen für eine Schweigespirale aus: "Man sollte nicht auf alles anspringen, was die Partei von sich gibt - wer weiß, wie sie dann reagiert."

Aber auch das Vorgehen, die Partei zu ignorieren, klappt nicht immer: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Organisator des Katholikentages, hatte die AfD nicht eingeladen. Um ihr eben kein Podium zu bieten. Am Ende gab es bei der Veranstaltung fast nur ein Thema: die AfD.

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