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Gauck und die Demographie:Die Kleinen und die Grauen

Bundespräsident Gauck in Arnsberg

Im Umgang mit Grauhaarigen sind die Kinder von Arnsberg geübt - auch gegenüber Joachim Gauck haben sie keine Berührungsängste.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Wie lässt sich das Zusammenleben der Generationen in einer alternden Gesellschaft gestalten? Das treibt Bundespräsident Joachim Gauck um. Auf der Suche nach Antworten nimmt er sich in Arnsberg außergewöhnlich viel Zeit.

Reportage von Laura Hertreiter, Arnsberg

Die kleine Leandra ist die einzige, die überhaupt keine Lust auf den Bundespräsidenten hat. Während dieser umjubelt von einer Menschenmenge in der Altstadt von Arnsberg im Sauerland Hände schüttelt, für Selfies posiert und Kinder auf den Arm nimmt, wird das schluchzende Mädchen im lila Mantel drüben in der Kita von seinem Vater abgeholt.

Er nimmt es auf den Arm und trägt es an den Polizisten, die gerade die Straßen absperren vorbei. "Zu viel Aufregung vielleicht", ruft eine Kindergärtnerin den beiden mit einer fahrigen Handbewegung hinterher.

Leandra ist also nicht dabei, als der Bundespräsident wenig später in einen Raum voller Vierjähriger in bunten Hausschuhen tritt, "Hallo, ihr kleinen Mäuse" sagt und sich ein Lied vorsingen lässt. Von den Kindern, aber auch von den Senioren, die hier regelmäßig zu Besuch sind.

Denn seit sieben Jahren sind die Kita "Kleine Strolche" und das Seniorenheim "Zum Guten Hirten" Partner: Alle zwei Wochen besuchen sich Kinder und alte Menschen gegenseitig, basteln, backen, singen, spielen. Bei dem Projekt geht es darum, die Alten und Demenzkranken aus der Einsamkeit zu holen und die Jungen mit dem Alter vertraut zu machen.

Ehrenamtliches Engagement sinnvoll koordiniert

Ein Ziel, das Bundespräsident Gauck in nächster Zeit in den Fokus rücken möchte. Er hatte immer wieder auf die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft - oder wie es nun korrekter heißt: einer länger lebenden Gesellschaft - hingewiesen.

2012 hatte er in seiner Weihnachtsansprache Antworten auf diese Entwicklung gefordert. 2013 fragte er bei einem Festakt zur Deutschen Einheit: "Unsere Gesellschaft wird in beispielloser Weise altern und dabei schrumpfen. Wie bewahren wir Lebenschancen und Zusammenhalt?"

Auf der Suche nach diesen Antworten ist der Bundespräsident nun am Mittwoch nach Arnsberg gereist und hat sich dort außergewöhnlich viel Zeit genommen. Vorab hatte er sich bei Fachleuten informiert, bei Ökonomen, Psychologen, Gerontologen und Soziologen. "Dabei fiel der Name Arnsberg immer wieder als positives Beispiel", sagt Gauck bei seiner Begrüßung.

Der Stadt in der nordrhein-westfälischen Hügellandschaft mit ihren 74 000 Einwohnern gelingt offensichtlich seit Jahren, was vielerorts große Probleme bereitet: Sie integriert alte Menschen, wo immer es geht und entwirft immer neue, preisgekrönte Konzepte.

Vor Jahren schon wurde in Arnsberg eine Fachstelle namens "Zukunft Alter" eingerichtet. Dort entwickeln eine Sozialpädagogin, ein Geograf und eine Palliativ- und Pflegeexpertin Konzepte dafür, wie alte Menschen besser am Leben im Ort teilhaben können. Und vor allem: Wie ehrenamtliches Engagement der Bürger sinnvoll koordiniert werden kann.

Beim Metzger man ist geschult für den Umgang mit Demenzkranken

Diesem Engagement begegnet Gauck bei seinem Besuch immer wieder. Im Bahnhof, der auch ein Bürgerzentrum beherbergt und deshalb Bürgerbahnhof heißt, schüttelt er einer von vielen Arnsbergerinnen die Hand, die in blauer Warnweste alten Menschen in die richtigen Busse helfen.

Ob sie das in ihrer Freizeit mache, ohne Gegenleistung, fragt Gauck. Sie nickt, die Wangen gerötet, und erzählt davon, wie ihr ein gebrechlicher Mann, dem sie mehrmals den Rollator in den Bus gehoben hatte, schweigend mit kleinem Lächeln eine Schokoladentafel überreicht hat. Eine andere Frau erzählt dem Bundespräsidenten, dass sie ihren Ruhestand damit verbringt, Hilfsbedürftige zu pflegen. "Sie sind schon in Rente?", fragt Gauck. "Na, da haben Sie sich ja gut gehalten."

Dann begegnet er einem Demenzpatienten, Hemd, Anzug, breites Lächeln, der erzählt, wie sich seine Frau seit der Diagnose vor fünf Jahren um ihn kümmert, wie aber auch die gesamte Stadt helfe. Der Bundespräsident staunt über die energische Worte.

Einen solchen Vortrag hätte er von einem Betroffenen nicht erwartet, sagt er. Die Ehefrau sagt, sie habe ihren Mann auch als Kranken nie verstecken wollen. Der lächelt, schüttelt den Kopf und sagt: "Ne, ne. Da wäre ich ausgebüxt."

Dinge verändern statt zu bejammern

Zum Ende seines Besuchs lobt Gauck die Einstellung, Dinge zu verändern statt zu bejammern. Vor allem aber zeige sein Besuch, dass Ehrenamt ohne Hauptamt nicht funktioniere. Jedes persönliche Engagement brauche professionelle, hauptamtliche Koordinatoren. Arnsberg sei ein Beispiel dafür, was gelingen könne, wenn Land, Stadt, Stiftungen, Bürgerverein und Ehrenamtliche gemeinsam einen Rahmen für besseres Altern schaffen.

Wer zum Beispiel in Arnsberger Modeläden, Bäckereien und Metzgereien an der Kasse steht, hat in der Regel eine Fortbildung für den richtigen Umgang mit demenzkranken Menschen belegt. Die örtliche Bäckerin erzählt dem Bundespräsidenten, schon ihre Auszubildenden lernten, wie man mit älteren Kundinnen umgeht, die zum vierten Mal an einem Tag Brot kaufen.

Gauck spricht von einem "Tabuthema"

Auch Taxifahrer hätten sich schulen lassen, nachdem dieselben Menschen sich immer wieder an die Orte ihrer Kindheit hätten fahren lassen. "Das gefällt mir so gut, das müssen sie an die Handwerks-kammern weitergeben", sagt Gauck.

Dass "die Kräfte irgendwann schwinden" sei in der Gesellschaft ein Tabuthema, kritisierte der Präsident. Für die "Kleinen Strolche" in Arnsberg nicht. Sie wissen, was es mit der Vergesslichkeit ihrer grauhaarigen Spielkameraden auf sich hat. "Macht ja nix, wenn ich meinen Namen öfter sagen muss", sagt ein Mädchen mit Pferdeschwanz und rosa Pullover, "so ist das halt mit der Vergesslichkeit."

© SZ vom 12.03.2015/odg

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