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Gastkommentar:Zeitzeugen

Weil die letzten Zeitgenossen der NS-Zeit sterben, sollten wir uns auf die Überlieferung besinnen. Es ist ja alles da und weiter greifbar: in Dokumenten, Büchern, als Video und im Netz.

Was der Abschied von den Zeitgenossen der NS-Zeit für uns Nachgeborene bedeute, werde ich immer wieder gefragt. Dieser Tage, da die Medien vielfach an die "großen Toten" des zurückliegenden Jahres erinnerten, kam die Frage an den Zeithistoriker noch häufiger als sonst. Tatsächlich sind 2016 zahlreiche Menschen gegangen, deren Lebensweg und deren Lebensleistung viele von uns bewundert haben - und denen wir nicht selten mit der Illusion begegneten, sie seien einfach auf immer da.

Eine dieser Persönlichkeiten war Hildegard Hamm-Brücher. Zunächst als "Grande Dame" der FDP, später als die couragierte Vorkämpferin der Demokratie, gehörte sie zum Inventar der Republik. Sie war zuletzt sogar beliebter und als Zeugin ihrer Zeit profilierter als ihre ebenfalls im Laufe des vergangenen Jahres gestorbenen Parteifreunde Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher. Als Scheel 1976 vom Außen- in das Bundespräsidentenamt wechselte und damit Platz machte für den ewigen Genscher, diente Hamm-Brücher diesem sechs Jahre lang als Staatsministerin im Auswärtigem Amt, ohne jedoch öfter als unbedingt nötig mit ihrem Minister einer Meinung zu sein. Doch das sind heute nur noch Feinheiten aus dem Innenleben eines selbst zu seinen Blütezeiten nie unkompliziert gewesenen Sozialliberalismus. Wichtiger bleibt, was Scheel, Genscher und Hamm-Brücher verbindet: Alle drei sind als junge Aufbauhelfer im Bildgedächtnis der deutschen Nachkriegsdemokratie fest verankert - genauer gesagt: in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Bonner Bundestag. Alle drei haben ihre ersten politischen Prägungen noch in der NS-Zeit erfahren.

Zeitzeugen sine eine Erscheinung der letzten zwei, drei Jahrzehnte

Hildegard Brücher kam als Vollwaise, deren jüdische Großmutter sich angesichts der drohenden Deportation nach Theresienstadt das Leben nahm, nur unter Schrecken durch das Dritte Reich; Scheel und Genscher wurden während des Krieges, obwohl bei der Wehrmacht, noch Mitglieder der NSDAP. Wie glücklicherweise die meisten aus der Generation der jungen Frontsoldaten, der Flakhelfer und der bis heute oft übersehenen Wehrmachtshelferinnen zogen die drei die richtigen Konsequenzen aus ihren unterschiedlichen Erfahrungen von Diktatur und Krieg. Sie sind darüber späterhin - die eine mehr, die beiden anderen etwas weniger - zu überzeugenden Zeitzeugen geworden. So vertraut uns diese Terminologie längst ist: Als mediale Figur ist der Zeitzeuge eine Erscheinung der letzten zwei, drei Jahrzehnte. Sein Aufstieg begann erst nach dem Fernseh-Vierteiler "Holocaust", der das Zentralverbrechen der NS-Zeit auf den Begriff und zugleich stärker ins öffentliche Bewusstsein brachte. Für viele Überlebende, die über ihre Geschichte bis dahin kaum weniger geschwiegen hatten als die deutsche Mehrheitsgesellschaft, war die Ausstrahlung der amerikanischen Serie 1979 ein Signal. Wohl auch, weil sie für etliche von ihnen zum lebensgeschichtlich richtigen Zeitpunkt kam, nämlich gegen Ende ihrer Berufstätigkeit.

Letzteres gilt nicht für den im vergangenen März gestorbenen ungarischen Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Imre Kertész, der bereits seit Anfang der Sechzigerjahre an seinem "Roman eines Schicksallosen" schrieb. Es gilt auch nicht für Kertész' einstigen Lagergenossen Elie Wiesel, einen weiteren berühmten Toten des Jahres 2016. Aber es gilt zum Beispiel für den 1920 in Mähren geborenen Max Mannheimer, der im September 2016 in München starb und erst nach einem langen Berufsleben als Kaufmann Mitte der Achtzigerjahre begonnen hatte, vor Schulklassen über seinen Leidensweg durch die Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager zu berichten. Menschen wie Mannheimer, denen Deutschland zum Zeitpunkt ihrer Befreiung 1945 nur verhasst sein konnte, haben mit ihrer engagierten Zeugenschaft zur Aufklärung unserer Gesellschaft und damit zu ihrer humanen Ausgestaltung maßgeblich beigetragen.

Aber heißt das, mit dem unausweichlichen Abschied von den Überlebenden des Holocaust und ihren nichtjüdischen Generationengenossen gerate nun alles in Gefahr, was im Laufe mehrerer Jahrzehnte an kritischem Geschichtsbewusstsein entstanden ist? Müssen unsere Lehrer bangen, weil sich kein Zeitzeuge mehr findet, der glaubwürdig über die Verbrechen der NS-Zeit sprechen kann? Ist deshalb unsere viel zitierte (und manchmal mit ein wenig gedankenlosem Stolz bedachte) Erinnerungskultur bedroht?

Gerade weil uns die letzten Zeitgenossen der NS-Zeit verlassen, gerade weil, wer heute jünger als 75 Jahre ist, aus eigener Erinnerung schwerlich sprechen kann, sollten wir uns auf die Überlieferung besinnen. Es ist ja alles da und weiter greifbar: in Dokumentensammlungen und Büchern, als Videoaufzeichnungen und im Netz; in der Unmittelbarkeit des Zeugenberichts wie in den Verarbeitungsformen einer Geschichtsschreibung, die sich mehr denn je den Stimmen und Erfahrungen der Einzelnen annimmt. Man muss nur lesen, hören und sehen wollen.

Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Es empfiehlt sich, die Einsichten ernst zu nehmen, die die klügsten der im letzten Jahr zu Grabe Getragenen hinterlassen haben. Zum Beispiel der in Breslau geborene und im Mai 2016 in New York gestorbene Fritz Stern, der die Geschichte Deutschlands und des Westens im 20. Jahrhundert so gründlich studiert und miterlebt hat wie vielleicht kein zweiter Historiker. Am Ende seines Lebens war er tief besorgt. Denn er sah nun in ernster Gefahr, was ihm eine halbe Dekade zuvor bloß einer Mahnung zu bedürfen schien: "So wenig sich die Deutschen genügend darüber im Klaren sind, was für eine Errungenschaft die Bundesrepublik gegenüber früheren Jahrhunderten deutscher Geschichte bedeutet, so wenig ist sich die jetzige Generation der Europäer genügend bewusst, welche Leistung es war, Europa so weit zu bringen, wie es heute ist."